Die Rheinische Zucht

Mit Enthusiasmus ganz nach oben

Julia Wentscher

Pferde mit dem Rehbrand haben es vom Rheinland aus in die ganze Welt geschafft – dabei ist die rheinische Warmblutzucht mit 56 Jahren Zuchtgeschichte noch relativ jung. Rheinische Vererber haben eigene, blühende Hengstlinien begründet, rheinische Sportpferde bedeutende Titel gewonnen. Eine Zusammenfassung vieler Highlights aus der rheinischen Zucht liefert Julia Wentscher.

Der Blick ins Jahrbuch Zucht sieht 2009 Ulla Salzgebers Fuchswallach Herzruf's Erbe als besten Rheinländer unter den erfolgreichsten Dressurpferden Deutschlands auf Rang fünf. Der einst über die CHIO-Sales gewechselte Sohn des Trakehners Herzruf aus einer Caletto I -Mutter gewann 2009 fünf Prüfungen auf Grand Prix-Niveau, ehe eine auf dem CHIO Aachen zugezogene Verletzung seine Karriere unterbrochen hat. Immer wieder stellte die rheinische Zucht Ausnahmehengste. „Dazu gehören mit Sicherheit Florestan, Ehrentusch, Lord Loxley, Fidertanz und Belissimo M in jüngerer Zeit. Bei den Springhengsten galt früher schon Polydor als absoluter Spitzen-Springvererber“ berichtet Zuchtleiter Martin Spoo. Auch wenn der 1972 geborene Polydor den Westfalen-Brand trägt, hat er die rheinische Zucht stark beeinflusst und Top-Sportpferde gestellt. 207 seiner Nachkommen waren im Parcours in Klasse S erfolgreich, über 4.8 Millionen Euro betrug die Lebens-Gewinnsumme seiner Kinder 2009. Auf der Weltrangliste aller Springpferdevererber stand er 1998 und 1999 ganz vorne. Nahezu die komplette Weltelite der Springreiter nahm in den Sätteln seiner Kinder Platz. „Der in unserem Zuchtgebiet durchschlagendste Springvererber der letzten 40 Jahre“, ehrt ihn Martin Spoo. Einige Jahre riss die Vererbung von Polydor niemanden vom Hocker, dann kam das Bundeschampionat 1984. Plötzlich hatte Polydor einen Bundeschampion, dann zwei: Beide Titel der Springpferde gingen an Polydor-Nachkommen: Pirat, gezogen von Hans Strunk in Xanten und vorgestellt von Klaus Reinacher, siegte bei den Fünfjährigen, der aus der Zucht von Gerhard Hinkelmann in Moers stammende und von Holger Hetzel gerittene Pirol bei den Sechsjährigen. Beide Pferde trugen den Rheinländer Brand und machten damit auch gewaltig Werbung für das Rheinische Springpferd. „Von dem Tag an wurden Polydor-Nachkommen wie Gold gehandelt“, denkt Spoo zurück. Aus rheinischer Sicht zu den besten Polydor-Kindern zählte die Stute Padua, die ihr erstes S-Springen 1992 und das letzte 2002 gewann – zehn Jahre lang war sie auf S-Niveau erfolgreich und unterstrich mit dieser Erfolgsbilanz, was Polydors Vererbung auszeichnet: Härte, Langlebigkeit und Leistungsbereitschaft. Padua siegte mit Ralf Schneider im Nationenpreis von Linz, war 1994 im Weltcup platziert, siegte 1995 in Bremen, 1996 in Mannheim und Dortmund. Vor ihrer Sportkarriere brachte sie den gekörten Zeus-Sohn Zandor Z, der 1999 mit Jos Lansink den Großen Preis von Bordeaux gewann. Padua war übrigens nicht einmalig: Auch ihre ebenfalls rheinisch gebrannten Vollgeschwister Sonora la Silla und Poor Boy starteten international mit Jan Tops und Lesley McNaught sowie mit Beat Mändli. Poor Boy komplettiert die Liste der ingesamt 32 gekörten Polydor-Söhne. Auch die rheinische Stute Belle Nuit von Polydor war regelmäßig unter Otto Becker und Markus Fuchs in den Siegerehrungen bedeutender internationaler Turniere vertreten. Viel Glück in der Zucht hatte auch der rheinische Züchter Hans Koppers aus Xanten mit dem Einsatz des Warendorfer Landbeschälers Polydor: Drei Vollgeschwister aus seiner Goldstern-Tochter Godoleva wurden gekört und machten ihren Weg im Sport. Potsdam gelangte erst mit zehn Jahren in den Sport, war jedoch schon zwei Jahre später das mit damaligen 96.653 Mark erfolgreichste rheinische Springpferd. Der Landbeschäler siegte unter „Kaiser“ Heinrich-Wilhelm Johannsmann 2002 in Münster, Neumünster, Nörten-Hardenberg, Redefin und Rulle. „Potsdam ist ein Pferd, von dem jeder Reiter träumt, eines bei dem Reiten zum Hochgenuss wird, weil er immer arbeiten will“, schwärmte der Kaiser damals von seinem Landbeschäler. Potsdam verdiente knapp 160.000 Euro im Springsport. Sein nur 161 Zentimeter großer Vollbruder Paavo N wurde ebenfalls gekört, erzielte seine besten Leistungen mit Jessica Kürten jedoch als Wallach. Unglaubliche 62-mal gelangte der wendige Rheinländer in die Siegerehrungen von Großen Preisen, war im Jahr 2000 das erfolgreichste Nationenpreispferd und wurde nach dem Sieg im Flandria Queens Cup 2003 in den Ruhestand geschickt. Im Jahr 2000 wurde die Liste der erfolgreichsten Springpferde von der World Breeding Federation for Sporthorses von einem Rheinländer angeführt: Der Polydor-Sohn Pozitano, der von Wilhelm Hussmann in Hamminkeln gezogen wurde. 1994 wurde er für 400.000 Mark über die PSI-Auktion versteigert und startete seine internationale Karriere mit Beat Mändli. Mannschafts-Silber auf der Europameisterschaft in Hickstead sowie bei den Olympischen Spielen in Sydney zählten zu den größten Erfolgen dieses Paares. „Ein Traumpferd mit Springvermögen ohne Ende“, so wurde Pozitano von seinem Reiter charakterisiert. Polydor lieferte jedoch auch in den beiden anderen Disziplinen Top-Pferde: Der Rheinländer Pa's Hope, gezogen von Hans Schless in Xanten, wurde 1995 Bundeschampion der Vielseitigkeitspferde. Auch er konnte sich im Jahr 2000 in der Liste der erfolgreichsten Vielseitigkeitspferde Deutschlands ganz oben platzieren. Im Sattel saß Züchtertochter Edith Schless-Beine. Genau diese Kombination ist eine der Erfolgsrezepte, mit denen das Rheinland punkten kann: „Vielfach haben Züchter und Reiter kürzeste Wege, denn viele Pferde werden von den Kindern der Züchter zum Erfolg geritten und so bleibt alles in der Familie. Eine Besonderheit des Rheinlands ist sicherlich, dass die Züchter nicht ausschließlich auf den Verkauf ausgerichtet sind, sondern häufig mit viel Geschick für den eigenen, sportlichen Bedarf züchten“, berichtet Spoo.

Das rheinische Erfolgsrezept

Das sieht man auch an der Hengststation Schult, bei der Sohn Tobias die selbst gezüchteten Pferde vielfach im Sport vorstellt. Einer der bedeutendsten Zuchterfolge war für diese Familie der Körsieg ihres selbstgezogenen Fidermark-Ravallo-Sohnes Fidertanz. Der bewegungsstarke Rheinländer wurde 2005 Vize-Bundeschampion in Warendorf und hat bereits mit dem 2008er NRW-Körsieger Flanagan sowie dem 2009-er Preisrekordhalter der hannoverschen Körung, Feuerspiel, auf sich aufmerksam gemacht. Dieser bewegungsstarke Fuchs brachte auf der Auktion 330.000 Euro. Auf der Station Schult wurde nicht nur die mit Tobias Schult S-erfolgreiche Springstute Chiclana von Calido I geboren, die Generationen gehen auch weiter. Chiclana brachte das Kunststück fertig, gleich drei gekörte Söhne zu stellen: Quite Calido, Chirivell und La Calido. Große Namen sind im Rheinland nichts Unbekanntes. Wer Olympiasieger, Weltmeister und Europameister in der Dressur quasi um die Ecke wohnen hat, bleibt eher auf dem Boden der Tatsachen. Bodenständig ist auch Isabell Werth aufgewachsen. Mit sechs olympischen, sieben WM- und 14 EM-Medaillen ist der Name „Dressur-Königin“ keine Untertreibung. Aufgewachsen in Rheinberg, züchtet ihr Vater Heinrich Werth schon Jahrzehnte rheinische Pferde. Auch Isabell Werth züchtet selbst, ihre Pferde können bereits Erfolge in Basisprüfungen vorweisen. Nicht anders sieht es bei der in Aachen auf Hof Rossheide lebenden Familie von Team-Olympiasiegerin Alexandra Simons-de Ridder und ihrem Mann Ton de Ridder aus. Mit der Conteur-Tochter Chiara züchtete sie die rheinische Championesse des Dressurpferdechampionats für Sechsjährige. Auch auf dem Bundeschampionat gelangte sie ins Finale. Chiara erzielte auf der 2007 stattfindenden Premiere der CHIO-Auktion den Spitzenpreis von 240.000 Euro. Bodenständige Zucht, aus der Spitzenpferde kommen: Das gilt auch für das Rittergut Muthagen und die Familie Schulte-Böker. Mit dem rheinischen Siegerhengst Florestan züchteten das Ehepaar Grit und Eberhard Schulte-Böker einen Vererber von Weltrang. 1986 in Muthagen geboren, gewann der Hengst seine Körung und seine Hengstleistungsprüfung. Ein Sporteinsatz der Hengste war zu der Zeit noch nicht allzu üblich und so blieb Florestan zeitlebens in seinem Landgestüt in Warendorf. Bekannt wurde er dennoch auf der ganzen Welt – 88 Söhne wurden bisher gekört, 113 Nachkommen gehen erfolgreich auf dem Viereck in Klasse S. Darunter sind und waren so bekannte Namen wie Floriano, mit dem Steffen Peters auf den Weltreiterspielen in Aachen Team-Bronze holte und nur haarscharf eine Medaille im Grand Prix Special verpasste. Dessen Vollbruder Floriano Deux war im Grand Prix Sport mit Nicole Glaser-Käppeler hoch erfolgreich, das Paar wurde im Jahr 2000 Rheinischer Meister. Florestan hat alles geschafft: Den Doppel-Dressurpferde-Weltmeister Florencio gestellt, mehrfache Bundeschampions wie Fürst Khevenhüller, French Kiss und Fidermark gebracht, internationale Toppferde geliefert wie das Olympiapferd Floresco, der mit dem schwedischen Team 2008 den vierten Platz belegte, und eine weit verzweigte, blühende Hengstlinie geschaffen. Der NRW-Siegerhengst von 2008, Flanagan, beweist es deutlich: Auch Florestans Urenkel stehen ganz vorne an. Florestan steht in Bronze verewigt vor dem rheinischen Pferdezentrum Wickrath. Aus der Zuchtstätte Schulte-Böker kommt mit dem Fidermark-Sohn Favourit ein international unter der Schwedin Tinne Wilhelmson-Silfven erfolgreiches Grand Prix-Pferd mit rheinischem Brand. Er führt Florestans Mutter Raute übrigens gleich zweimal im Pedigree, ist sie doch auch seine Großmutter mütterlicherseits. Jedes Jahr fährt das Ehepaar Schulte-Böker zu den Warendorfer Hengstparaden und besucht ihren Florestan. „Wir schätzen vor allem den umgänglichen Charakter und die Rittigkeit seiner Nachkommen. Denn das Interieur hat in unserer Zucht einen sehr hohen Stellenwert“, berichtet Schulte-Böker, dessen Sohn Walther die Zucht auf dem 1292 erbauten Gut weiterführt. „Unsere Familie hat den Hof 1931 erworben. Es war immer mein größter Wunsch, das Gut und die Pferdezucht zu erhalten und weiter zu führen“, sagt Eberhard Schulte-Böker, der zu den Urgesteinen der rheinischen Zucht zählt. Florestan ist auch der Großvater eines Rheinländers, der von Anfang an als absolutes Ausnahmepferd galt: Der bildschöne Dunkelfuchswallach Fürst Fabio. Seine gewaltige Bewegungsmechanik zog die Massen an das Reitpferdeviereck – der Fidermark-Worldchamp-Sohn aus der Zucht von Eberhardt Friesike in Neukirchen-Vluyn wurde schnell zum Star in Warendorf. Mit Höchstnoten gewann er 2002 unter Katja Camp das Bundeschampionat der dreijährigen Reitpferde. Nachdem er sieben Dressurpferdeprüfungen der Klasse L gewonnen hatte, wechselte er in die USA zu Dr. Cesar Parra, der dem sensiblen Fuchs viel Zeit gab. Der Teilnehmer der Olympischen Spiele 2004 und der Weltmeisterschaft 2002 glaubte immer an den Bewegungskünstler. Inzwischen hat das Paar in der kleinen Tour alles gewonnen und seinen ersten Grand Prix-Start angekündigt. „Fürst Fabio ist das fantastischste Pferd, das ich jemals geritten habe. Er ist sehr personenbezogen und ihn zu reiten ist das beste Gefühl, das man haben kann“, berichtet Dr. Parra begeistert.

Stars mit rheinischem Brand

Neben Florestan treten auch in jüngerer Zeit rheinische Hengste auf, die das Potenzial zum Stempelhengst haben. Belissimo M absolvierte eine Musterkarriere, wurde 2003 unter Holga Finken Bundeschampion der vierjährigen Reitpferde-Hengste, siegte mit Rekordnoten wie 9.63 in der Dressur in seinem 30-Tage-Test und wurde mit 9.2 knapp geschlagener Vize-Bundeschampion der sechsjährigen Dressurpferde. Züchterisch hat er die bewährte, jedoch in Vergessenheit geratene Hengstlinie von Bolero wieder zur vollen Blüte gebracht. Belissimo M hat aus seinen ersten vier Jahrgängen bisher über 27 gekörte Söhne gebracht. So stellte er 2008 mit Bentley den teuersten Hengst in Hannover, der für 310.000 Euro auf die Station von Paul Schockemöhle ging. Im gleichen Jahr stammte auch der Kör-Reservesieger in Münster-Handorf von ihm, der für 150.000 Euro versteigert wurde. Allein aus den ersten zwei Jahrgängen kamen sechs HLP-Sieger, Bacchus von Worrenberg wurde Bundeschampion der dreijährigen Reitpferde und erzielte mit 195.000 Euro den Spitzenpreis in Verden. Nicht minder erfolgreich ist der rheinische Hengst FS Lord Loxley, der auf dem Ferienhof Stücker in Weeze wirkt. Unter Jana Freund wurde der von Joseph Faymonville gezogene Lord Sinclair-Weltmeyer-Sohn mit der Wertnote 9.5 Bundeschampion und Vize-Weltmeister der fünfjährigen Dressurpferde. Im selben Jahr hatte Jana Freund noch einen Rheinländer zum Titelgewinn geritten: Der dreijährige Sandro Hit-Sir Chamberlain-Sohn FS Sandro Classic siegte mit zweimal 10.0 bei den dreijährigen Reitpferde-Hengsten. FS Lord Loxley trumpft neben zehn S-Siegen und der Qualifikation zum Nürnberger Burgpokal auch in der Vererbung auf: 2006 wurde Laetare Reservesieger der Mecklenburger Körung, Lord Bedo Kör-Reservesieger in Münster-Handorf, Lord Fantastic holte sich den Titel des 2. Reservesiegers der Brandenburger-Körung und Love at First Sight gewann Bronze auf dem Bundeschampionat. 2007 setzte Lord Loxley noch eins drauf und stellte mit FS La Noire die rheinische Siegerstute und Bundeschampionesse, im gleichen Jahr holte Lord Fantastic Bronze in Warendorf, auf der KWPN-Körung wurde Lord Leatherdale zum Reservesieger ernannt und Lord Ferragamo wurde auf der NRW-Körung Prämienhengst. 2008 gewann Laetare bei den vierjährigen Reitpferde-Hengsten in Warendorf. So geht es beständig weiter und auch auf der 2009-er NRW-Körung stand aus der Zucht des wohl dienstältesten Rheinländer Züchters Peter Schweimanns ein Lord Loxley-Rocket Star-Sohn im Prämienlot. Gab es bereits auf dem ersten Bundeschampionat 1980 mit Weiolet von Wächter einen rheinischen Springpferdechampion, war das bisher erfolgreichste Bundechampionats-Jahr 2007. Auf dem Dressurpferdeviereck machten die Rheinländer die Goldmedaillen unter sich aus. Als erste Starterin bei den fünfjährigen Dressurpferden musste Helen Langehanenberg ins Viereck. Sie hatte ein straffes Programm mit mehreren qualifizierten Pferden. 9.0 erhielt sie auf ihrem Ritt mit dem Florestan-Rohdiamant-Sohn Fürst Khevenhüller. Das war der Sieg – an diese Note kam keines der folgenden Paare mehr heran. An der Spitze stand Fürst Khevenhüller übrigens schon mal: „Er war mit 50.000 Euro Spitzenfohlen in Münster-Handorf, wurde dort von Sissy Max-Theurer erworben und zweieinhalbjährig gekört“, berichtet die Züchterin Beate von Ameln. Als Hengst zu unkonzentriert, wurde er kastriert. 2008 wurde er Vize-Bundeschampion, ein Jahr später holte sich seine Vollschwester Florestine AV den Vizetitel bei den vierjährigen Reitpferden. Zurück zum Erfolgsjahr 2007: Mit einer selten erlebten Leichtigkeit schwebte die Rheinländer Sandro Hit-Rockwell-Tochter Samira unter Bärbel Förster-Henrich zum Sieg bei den sechsjährigen Dressurpferden. Zweimal zückten die Richter die Traumnote Zehn – für Trab und Losgelassenheit, der Rest waren jeweils 9.5 „Das war ein Ritt wie noch nie“, schwärmte Kommentator Christoph Hess. Samira wurde von Ulrike und Heinz-Bernd Schumacher in Ratingen gezogen. „Sie war das erste Fohlen unserer Siegerstute Rapalla, die mit 9.1 höchstbewertete Teilnehmerin aller Stutenleistungsprüfungen überhaupt wurde“, berichtet Bernd Schumacher. Doch Freude und Leid liegen eng beieinander, bei der Geburt ihres dritten Fohlens ging Rapalla ein. Die dritte Medaille holte bei den dreijährigen Reitpferden die rheinische Siegerstute FS La Noire. Abstammend von Lord Loxley-Lucito wurde sie von Jana Freund vorgestellt.

Zuchtgeschichte: Vom Kaltblut zum Sportpferd

Die Tradition einer Warmblut-Pferdezucht im Rheinland ist noch nicht allzu alt. Noch im Oktober 1949 verkündete das auf Kaltblüter orientierte, 1892 gegründete Rheinische Pferdestammbuch: „Mit Nachdruck wird darauf hingewiesen, dass das Rheinische Pferdestammbuch nie eine Abteilung Warmblut einrichten werde, da dies mit der jahrzehntelangen Tradition des Rheinischen Pferdestammbuchs nicht zu vereinbaren sei.“ 1949 lag inmitten der Blütezeit der Kaltblutzucht – den Höchststand verzeichnete sie 1942 mit 34.980 Bedeckungen und 1946 mit 26.990 eingetragenen Kaltblutzuchtstuten. Das sah bereits 1954 ganz anders aus, mit nur noch knapp über 3.000 Bedeckungen. Es ging rapide bergab mit den „Dicken“, die von Traktoren und Landmaschinen immer weiter verdrängt wurden. Immer mehr kämpften die Züchter für das Warmblutpferd und ersetzten ihre Kaltblüter vornehmlich durch Trakehner Stuten, die den harten Flüchtlingstreck in den Westen überlebt hatten. 1954 schuf das Rheinische Pferdestammbuch eine Abteilung Warmblut und hatte rund 100 Mitglieder. Das Zuchtziel umfasste ein warmblütiges Pferd auf hannoverscher und ostpreussischer Grundlage. Von da an entwickelten sich die Kaltblut- und Warmblutzucht völlig konträr: 1975 waren noch ganze elf Kaltblut-Stuten eingetragen und das Deckbuch offenbarte kümmerliche drei Anpaarungen. Bereits 1965 wurde eine Satzungsänderung eingeführt, die später noch einmal auf nun zwei Abteilungen reduziert wurde: Abteilung A führt die Warmblüter, Abteilung B alle anderen Rassen inklusive der Kaltblüter. Ein Brandzeichen war auch schon gefunden – die Rehkrone, die zwischen den Weltkriegen von dem in Insterburg ansässigen Ostpreussischen Warmblutverband genutzt wurde. Der Trakehner Verband schloss mit dem Rheinischen Pferdestammbuch, in dessen Region viele Trakehnerzüchter ansässig wurden, einen Arbeitsvertrag und erteilte ihm das Recht, diesen Brand zu nutzen. 1969 wurde bereits die erste Rheinische Reitpferde-Auktion in Wülfrath durchgeführt, 1972 kamen erstmals Zuchtstuten-, Fohlen – und Gebrauchspferde-Auktionen dazu und von 1986 an wurde das CHIO Aachen zum Standort der CHIO-Sales, einer Verkaufswoche. 2007 und 2008 wurde aus der Verkaufswoche eine CHIO-Auktion gemacht, die jedoch bereits 2009 ein vorzeitiges Ende fand. Ein Meilenstein der rheinischen Zucht war die Aufnahme einer zentralen Körung ab 1963 – erst in Krefeld, später in Langenfeld und Aachen. Gemeinsam mit den Westfalen wurde die NRW-Körung erstmals 1991 in Münster-Handorf durchgeführt. Ein besonderer Moment war auch der Einzug des ersten rheinischen Hengstes ins Landgestüt Warendorf: Diese Ehre erhielt 1973 Pasternak von Patron. Denn das Landgestüt Wickrath wurde bereits 1957 geschlossen – beantragt wurde die Auflösung übrigens vom Rheinischen Pferdestammbuch selbst. Die Idee damals war, das Landgestüt durch die Förderung der Privathengsthaltung überflüssig zu machen – vor allem aus der Sicht der Kaltblutzüchter. Als großer Durchbruch für die rheinische Zucht gilt das Jahr 1979, als die erste Bundesschau in Münster-Handorf stattfand: Mit der Familie der Fanfare von Cyrus stellte der rheinische Züchter Leo Ophey aus Goch die Bundessieger. Auf der DLG-Ausstellung 1980 gewann die Familie erneut und 1982 konnte der erste Bundessieger-Einzelpreis ins Rheinland geholt werden: Die von Horst Ense gezogene Ehrensold-Tochter Enterprise siegte überlegen. Längst hatte sich das Rheinische Pferdestammbuch in der Warmblutzucht nach oben gearbeitet, internationale Spitzenpferde trugen den Rehbrand in die ganze Welt. Mit dem Glücksklee-Sohn Grand Gilbert wurde Nicole Uphoff 1993 Europameister, der April-Sohn Alassio gewann mit Sabine Rueben dreimal die Europameisterschaften der Junioren und Jungen Reiter. Viele Spitzenpferde folgten. Eins fehlte jedoch noch immer: Das Landgestüt Wickrath. 2002 war es soweit: Das Rheinische Pferdestammbuch verließ Bonn und konnte im aufwändig renovierten Landgestüt einziehen. Das Pferdezentrum Wickrath präsentiert sich heute als moderne Anlage in alten Gemäuern – die Ställe beherbergen Verkaufspferde und Landbeschäler, Züchter und Besitzer haben die Möglichkeit, ihre Pferde dort auf Körungen und Stutenschauen vorbereiten zulassen und auch das Anreiten, die weitere Ausbildung und die Vermarktung wird in Wickrath angeboten. Rund 5.000 Züchter und 7.500 eingetragene Zuchtpferde werden von Wickrath, dem herrlich gelegenem barocken Wasserschloss, aus betreut. Besondere Höhepunkte im Jahr sind stets die Elitestutenschau verbunden mit den rheinischen Championaten, das international ausgeschriebene Turnier im Schlosspark und die Hengstschauen.

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