Gahlen 2010 trotzte den widrigen Wetterverhältnissen
Zum 16. Mal wurde in diesem Jahr die Turniersaison in der Reithalle des RV Lippe-Bruch Gahlen eröffnet. „Gahlen 2010“ lockte wieder etliche Spitzensportler mit ihren Pferden in die Nierleistraße – dem angekündigten Schneechaos zum Trotz. Und auch wenn wegen der widrigen Wetterverhältnisse kein neuer Zuschauerrekord verbucht werden konnte, blieb in Gahlen kein Sitzplatz und kaum ein Stehplatz frei – weder bei den großen Springprüfungen, noch bei der Hengstschau am Sonntagmorgen.
Es scheint ihm selbst fast ein wenig unheimlich: „Mensch das war jetzt schon der vierte…“, dachte Mario Stevens laut in der Abreitehalle des RV Lippe-Bruch Gahlen nach. Minuten zuvor hatte der 27 Jahre alte Springreiter den Großen Preis der Automobilgruppe Köpper in Gahlen gewonnen. Mit D`Avignon, einem zwölf Jahre alten Wallach und – eher selten – mit einem „Klotz“ am letzten Sprung, aber der schnellsten Zeit von 38,16 Sekunden im Dreier-Stechen. Was dem B-Kader-Mitglied aus Molbergen zu denken gab, war die Tatsache, dass er gerade den vierten Großen Preis in Folge gewonnen hatte: Im November gab es den ersten Streich in Oldenburg, dann folgte der Große Preis von Dresden, der Sieg im Masters League-Finale im Großen Preis von Frankfurt und jetzt Gahlen. Und den Gahlen Grand Prix konnte Stevens mit knapp 21 Lenzen vor sechs Jahren mit Night and Day schon einmal für sich entscheiden. Insgesamt 23 Starter gingen vor rund 1.800 Zuschauern am Samstagabend in das mit 10.000 Euro dotierte schwere Springen mit Stechen, nur drei von ihnen kamen ohne Fehler ins Ziel. Neben Stevens waren das auch Joachim Heyer (Cappeln) mit dem neun Jahre alten Oldenburger Aquino und Alexander Hufenstuhl (Süttenbach) mit Lacapo. Der 23-jährige Rheinländer hatte es nach Fehlern von Heyer (8) und Stevens (4) in der Schlussrunde in der Hand, den Großen Preis nach Hause zu reiten – musste er doch „nur“ fehlerfrei bleiben. Doch auch ihn erwischte es wie Stevens am letzten Sprung, so dass letztlich die bessere Zeit den Ausschlag gab – und die hatte Mario Stevens mit D'Avignon erritten. „Ich hätt` das nicht gedacht, “ so der verblüffte Kommentar von Mario Stevens. Ohnehin hatte der Jung-Profi ein Spitzenwochenende in Gahlen, gewann er doch bereits am Freitag den Preis der Volksbank e.G. Schermbeck, ein S**-Springen, mit der schnellsten fehlerfreien Runde im Sattel des zwölfjährigen Dunhill H-Sohnes D'Avignon. Schon hier hatte Alexander Hufenstuhl das Nachsehen: Mit seinem Landor S-Nachkommen blieb er zwar ebenfalls fehlerfrei, brauchte für den von Eckhard Hilker gebauten Kurs aber 1,19 Sekunden länger als Stevens.
Sieg für Renzel
Im Großen Preis lief es für ihn zwar nicht so richtig gut, doch sieglos musste er trotzdem nicht nach Hause fahren: Die Rede ist von Markus Renzel (Oer-Erckenschwick), der am Sonntag im S**-Springen mit Stechen mit Nausica Tame die Nase vorn hatte. Renzel, der vor fünf Jahren auch schon mal den Großen Preis in Gahlen für sich entscheiden konnte, blieb mit der neunjährigen Flipper D'Elle-Stute im sechs Reiter starken Stechen fehlerfrei in 37,24 Sekunden. Damit verwies er Katrin Eckermann (Kranenburg) mit Carlson auf Platz zwei. Die Deutsche Meisterin der Jungen Reiter war im Stechen ebenfalls null geblieben, hatte für den Parcours aber 0,31 Sekunden länger benötigt als der Sieger. Auch die drittplatzierte Sabrina Busch, die amtierende Rheinische Meisterin, war im Sattel des KWPN-Wallachs Ruben im Stechen fehlerfrei geblieben. In der ersten Abteilung des Zwei-Sterne-S mit Stechen ging die goldene Schleife an Klaus Beine. Der Brünener hatte den 17-jährigen Holsteiner Czyro gesattelt und sich im Stechen mit dem einzigen fehlerfreien Ritt gegen Dirk Hauser mit Embassy II, Tobias Schult mit Risohorse Chiclana und James Paterson Robinson mit Chester durchgesetzt. Auch die Punktespringprüfung der Klasse S, die zur Großen Tour gehörte, wurde in zwei Abteilungen ausgeritten: Hier hießen die Sieger Morten Gram mit Lisztor Rochelais und Joachim „Joki“ Heyer, der den zwölfjährigen Brandenburger Glenn Mentino gesattelt hatte. Auf Platz drei konnte sich der Sieger des Großen Preises mit seinem zweiten Pferd platzieren: Mario Stevens trat hier mit der zehnjährigen Rappstute Noble Night an.
Stevens auch in Youngster-Tour erfolgreich
Auch Markus Merschformann (Osterwick) mochte nicht ohne goldene Schleife vom Gahlener Turnier nach Hause fahren. Mit der acht Jahre alten Holsteiner Stute Constanzia gewann der Westfale das Hauptspringen der Youngster-Tour, ein S*. Knapp am Sieg vorbei ritt hier wiederum der Sieger des Großen Preises Mario Stevens, der Generation auf Rang zwei steuerte und mit Celta Yar außerdem auch noch Platz fünf belegte. Der spanische Elvis Amor-Sohn gehört Stevens gemeinsam mit Ludger Beerbaum. Im Zwei-Phasen-S hatte der Niedersachse mit dem achtjährigen Hengst noch vier Strafpunkte zu verzeichnen, im Sattel der Oldenburgerstute Generation schaffte er es allerdings schon hier auf den Silberrang und musste lediglich Felix Haßmann mit Horse Gym's Kira den Vortritt lassen.
Neue Sieger im Ride & Drive
Die Schauprüfung Ride & Drive war in diesem Jahr eine sichere „Beute“ von Lena Ridderbusch (RV Lippe-Bruch Gahlen) und Hubertus Dieckmann (Kirchhellen). In schnellen 64,08 Sekunden sauste die 14-jährige Lena im Sattel über die Hindernisse, Dieckmann ließ eine tadellose Fahrt mit dem Quad folgen. Als letztes Team trat das Duo an und verwies das bis dahin führende Damenduo Katharina Offel (Ukraine) mit der erst zwölfjährigen Femke Behning (Gahlen) mit 66,24 Sekunden noch auf Platz zwei. Ein bisschen Pech hatte Elena Keus, denn Pony Attila traf kurzentschlossen die Entscheidung, den letzten Sprung doch lieber auszulassen. Titelverteidiger Joachim Heyer (Cappeln) verpatzte sich einen erneuten Sieg dank eines Fahrfehlers, obwohl Luisa Amberge mit Dragon im Parcours eine gute Vorlage für einen weiteren möglichen Sieg geliefert hatte. So war bei dem neuen Siegerduo die Freude große: Hubertus Dieckmann konnte einen neuen Motorroller mit nach Hause nehmen, Lena Ridderbusch ein Trekkingrad.
Gahlen erstmals viertägig
Mit vollen Prüfungsfeldern startete die 16. Auflage des Hallen-Reitturniers in Gahlen diesmal schon am Donnerstag. Wie beliebt das Turnier bei den Reitern ist, zeigte sich einmal mehr anhand der Nennungsflut, die den Veranstalter erreichte. „1.200 Nennungen, so viel hatten wir noch nie“, staunte Turnierleiter Heiner Nachbarschulte im Vorfeld des Events. Zu viel, um das Turnier wie gewohnt an drei Tagen abzuwickeln. Also wurden die Springpferdeprüfungen kurzerhand auf den Donnerstag verlegt und das Turnier in Gahlen erstmals auf vier Veranstaltungstage ausgedehnt. So gingen die ersten Siege im Rahmen von Gahlen 2010 in diesem Jahr an Hubertus Dieckmann und Schakira (Springpferde-A**), Markus Renzel siegte am ersten Tag gleich zweimal – im Sattel von Le Jeune stand er sowohl in der Springpferde-L als auch in einer Abteilung der Springpferde-M ganz vorne – und an Frederik Knorren mit Shaitaan in der anderen Abteilung der Springpferde-M.
„Lockstoff“ Hengstschau
Aus Bayern, Niedersachsen und Westfalen kamen die Hengsthalter diesmal nach Gahlen – und wurden mit vollen Rängen belohnt. Kein Platz blieb bei der Hengstschau „Favoriten am laufenden Band“ auf der Tribüne leer, etliche Zuschauer kamen mit Katalogen und Notizblöcken „bewaffnet“, um die Galerie der Hengste genau in Augenschein zu nehmen und manch einer wollte einfach nur schöne Pferde begucken. Dazu gab es viel Gelegenheit, Platz und Zeit. Eine Premiere gab es auch: Zebrahengst Zorro kam mit seinem belgischen Trainer Iwan, um sich mit seinen vielen Streifen, dem Freispringen und unter dem „Reiter“ um das Prädikat „gekört“ zu bewerben. Der Frechdachs kam gut an beim Publikum. Die Botschaft, dass der Westfälische Verband den bunten Kandidaten kurzerhand anerkennt, konnte man aber wohl doch in das Reich des Wunschdenkens verweisen…
Prominenter Besuch
Am Rande des Gahlener Turniers trifft man eigentlich jedes Jahr Reitsport-Prominenz. So auch bei Gahlen 2010: Fröhlich pfeifend nahm zum Beispiel Piet Raymakers als Zuschauer auf der Teilnehmertribüne Platz. Der Mannschafts-Olympiasieger (1992) und Mannschafts-Weltmeister (2006) aus den Niederlanden verbreitete wie immer gute Stimmung. Monatelang war Raymakers wegen einer komplizierten Schulterverletzung außer Gefecht gesetzt – jetzt „geht`s wieder“, sagte der Oranje-Reiter und verfolgte gut gelaunt den Sport in Gahlen. Und auch Dressurkönigin Isabell Werth fand den Weg zur Nierleistraße: Sie war beim Empfang der Raiffeisenwaren Zentrale (RWZ) im Rahmen des Raiffeisenmarkt-Cup Finals mit von der Partie und verfolgte interessiert das Geschehen in der Gahlener Reithalle.
Raiffeisenmarkt-Cup Finals
Zum dritten Mal war das Turnier in Gahlen auch Treffpunkt für Nachwuchsreiter: Am Samstagmittag und –nachmittag wurden einmal mehr die Sieger in den Raiffeisenmarkt-Cups ermittelt. In Dressur, Springen und Kombination wurden die Champions der auch als „Jugendchampionat Rheinland“ bekannten Serie gekürt. Mit der Wertnote 8,2 setzte sich im Springfinale Ricarda Tippkötter vom RFV Lobberich durch. Gesattelt hatte die 17-Jährige ihren elfjährigen niederländischen Warmblüter Aronjo, mit dem sie Lea-Lotte Wiedeking (RFV Schmalbroich-Kempen) und Cordina auf den Silberrang verwies (8,0). Platz drei ging mit deutlichem Abstand an Maurice Klöckner (RFV Bruckhausen) und seinen William (7,5). Im Viereck maßen sich die Finalisten in einer Dressurreiterprüfung der Klasse L. Mit einer Traumnote von 8,5 siegte hier ebenfalls eine Reiterin des RFV Lobberich: Im Sattel des siebenjährigen Trakehners Nawaro ritt Julia Bergemann zum Sieg im Raiffeisenmarkt-Cup Dressur. Wie schon im Springen ging auch in der Dressur der zweite Platz an eine Reiterin des RFV Schmalbroich-Kempen, nämlich an Pia Tönniges und Aperio (8,2). Den Bronzerang erritt Ann-Kathrin Theissen (Krefelder RFV) im Sattel von Kalamity Jane. Dieses Paar erhielt eine Wertnote von 7,7. In der kombinierten Wertung setzte sich die dreizehnjährige Nina Maria Quinders (RV Graf Holk Grefrath) gegen die Konkurrenz durch: Mit ihrem Haflinger Goldi deklassierte sie die übrigen Mitbewerber um den Sieg nahezu und setzte sich mit einer Wertnotensumme von 16,2 problemlos an die Spitze. Platz zwei ging an den drittplatzierten des Spring-Finals, Maurice Klöckner, der mit William insgesamt 15,40 Punkte erhielt. Die weiße Schleife für Platz drei wurde Coulthard S angesteckt, der von Maren Moldenhauer (RFV Birkenhof-Vennikel) zu 15,20 Punkten geritten worden war.
Goldene Reitabzeichen verliehen
Das Goldene Reitabzeichen ist das höchste Leistungsabzeichen der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN). Wer sich diese Auszeichnung verdient hat, sollte das Abzeichen auch in angemessenem Rahmen verliehen bekommen. Gahlen 2010 lieferte dieses passende Ambiente gleich für zwei Reiter: Christina Konings und Marc Tummes. Die beiden Reiter vom Gestüt Eschenbruch in Mülheim nahmen am Freitagabend in Gahlen ihre Abzeichen aus den Händen von PSVR-Vizepräsident Heiner Nachbarschulte entgegen. Christina Konings erhielt das Goldene Reitabzeichen in Kombination für ihre Erfolge im Dressur- und Springsattel. Die erfolgreiche Reiterin saß schon mit ihrem Vater, dem Pferdewirtschaftsmeister Ludo Konings, im Sattel bevor sie überhaupt laufen konnte. Die Reiterei war für sie von Kindesbeinen an Mittelpunkt ihres Lebens. Mit Pony Fabian feierte sie im Alter von neun Jahren ihre ersten Erfolge in A-Springen und A- und L-Dressuren, mit Jumbo gab es Schleifen in L- und M-Parcours und Platzierungen im Nachbarschulte Pony Cup und bei den Rheinischen Meisterschaften. Nach der Ponyzeit knüpfte Christina Konings mit Großpferd Malipiero an ihre Erfolge im Dressurviereck an – von A bis S erzielte das Paar Siege und Platzierungen. Und auch im Parcours ging es erfolgreich weiter mit den Pferden Trust me und Alina, mit denen sie bei Michael Gockel trainierte. Nach dem Abitur begann Christina Konings ihre Lehre zur Pferdewirtin – in der Dressur bei ihrem Vater, im Springen am Gestüt Eschenbruch, wo sie von Marc Boes angeleitet wird. Mit Pferden aus der Zucht von Manfred Tummes stockte die Reiterin ihr Erfolgskonto in Dressur und Springen bis zur schweren Klasse weiter auf. Ihr nächstes Ziel nach der Verleihung des Goldenen Reitabzeichens in Kombination ist die Prüfung zum Pferdewirtschaftsmeister. Der zweite frisch gebackene Inhaber des Goldenen Reitabzeichens, Marc Tummes, fing mit elf Jahren auf den von seinem Vater Manfred gezogenen Pferden mit dem Reitsport an. Bis zu seinem 22. Lebensjahr ritt er vor allem Dressur und wurde von renommierten Ausbildern wie Klaus Balkenhol, Fritz Tempelmann, Jean Bemelmans, Palle Thomsen und Wolfgang Mäteling gefördert. Dann kam der Wechsel ins Springlager – und das mit großem Erfolg. Mit dem Raphael-Sohn Roccas aus der Zucht des Vaters erzielte Marc Tummes die ersten S-Erfolge, unter anderem in Nörten Hardenberg, Mannheim und München, und legte damit den Grundstein für das in Gahlen überreichte Goldene Reitabzeichen. Zweimal gewann das Paar das Finale des Amateur Springreiterclubs Deutschland. Marc Tummes derzeit erfolgreichstes Pferd für die schweren Prüfungen ist Rabaco, ebenfalls ein Raphael-Nachkomme aus der Zucht von Vater Manfred. Trotz seiner Erfolge im Sattel machte Marc Tummes den Reitsport jedoch nicht zum Beruf. Stattdessen arbeitet er als Straßenbaumeister im eigenen Betrieb – und beweist damit, dass man auch als Amateur im Pferdesport erfolgreich sein kann. Auf dem Weg zum Goldenen Reitabzeichen begleiteten Marc Tummes erfolgreiche Trainer wie Fritz Fervers, Theo Dieckmann und Marc Boes – und natürlich ist Vater Manfred auf den Turnieren stets mit von der Partie.
Gut davon gekommen…
…ist der RV Lippe-Bruch Gahlen in Anbetracht des Wetters und der vielen Warnungen mit Gahlen 2010. So sah es auch der Turnierleiter und Ehrenvorsitzende Heiner Nachbarschulte. „Wir haben zwar mindestens 900 Zuschauer weniger als in den Vorjahren und das tut schon weh“, sagte Nachbarschulte. Denn die Einnahmen aus Kartenverkauf und Verzehr in der Gastronomie investiert der Verein stets in Jugendarbeit und hält damit auch die Mitgliedsbeiträge günstig. Dieser „Zuschuss“ wird 2010 also vermutlich weniger üppig ausfallen. „Ansonsten sind wir aber sehr zufrieden, denn sportlich ließ das Turnier nichts zu wünschen übrig“, so Nachbarschulte. Für die 17. Auflage vom 7. bis 9. Januar 2011 wird wie auch sonst die Ausschreibung geprüft und neu nachgedacht, wie man mit vielen Nennungen am besten umgeht. Bis auf die durch die ungünstige Wetterprognose gesunkenen Zuschauerzahlen machten Schnee und Kälte dem Turnier in Gahlen übrigens überhaupt nichts aus, denn die Turniermacher vom RV Lippe-Bruch Gahlen hatten sich bestens auf das widrige Wetter eingestellt. Der Parkplatz für die Pferdetransporter auf einer benachbarten Weide wurde komplett abgeschoben, damit die LKWs mit der wertvollen vierbeinigen Fracht an Bord täglich problemlos an- und abfahren konnten. Ebenso wurden die Parkplätze vom Schnee geräumt, so dass auch die Zuschauer einfach an- und abreisen konnten. In der Reithalle sorgten Diesel-Aggregate für wärmere Temperaturen und verhinderten so, dass die Reitsportfreunde am Rande frieren mussten. Und heiße Getränke für die Wärme von innen gab es natürlich auch en masse…
Infos: www.rvgahlen.de