CHIO Aachen Springen
Ein Erlebnis der Superlative
Die deutschen Springreiter blieben ohne einen bedeutenden Sieg. Rebecca Golaschs CHIO-Premiere. Rheinische Reiter als Publikumslieblinge in der Soers.
Für die deutschen Springreiter fiel die Bilanz in der Soers mager aus. Denn die Schützlinge von Bundestrainer Otto Becker beendeten den legendären CHIO Aachen ohne einen bedeutenden Sieg. Einzig und allein der Borkener Marcus Ehning sowie Shooting-Star Janne-Friederike Meyer schnappten sich jeweils eine goldene Schleife – allerdings in eher unwichtigen Prüfungen.
Zwar gab es im Nationenpreis Silber hinter den Iren und auch im Großen Preis wurde mit Meredith Michaels-Beerbaum eine Deutsche Vierte, doch diese Erfolge konnten die insgesamt schwache CHIO-Bilanz der deutschen Parcourscracks nicht verdecken. Dennoch blicken Becker, Beerbaum und Co. selbstbewusst Richtung Weltreiterspiele in Kentucky.
„Für die WM ist alles im grünen Bereich», kommentierte Ehning. Und auch der Bundestrainer erklärte, mit den Hauptpaaren für die WM zufrieden zu sein. Ehning scheint mit Plot Blue ebenso gesetzt wie Vize- Europameister Carsten-Otto Nagel (Wedel) mit Corradina. „Das sind feste Größen“, so Becker. „Die haben derzeit die Nase vorne.“
Die weiteren Kandidaten sind Ludger Beerbaum (Riesenbeck) mit Gotha, Marco Kutscher (Riesenbeck) mit Cash und Janne-Friederike Meyer (Schenefeld) mit Lambrusco. Auch Meredith Michaels-Beerbaum steht nach ihrer Babypause wieder parat, allerdings nicht mit Shutterfly, der mit seinen 17 Jahren und mehr als drei Millionen ersprungenen Euro vor dem Karriereende steht. Stattdessen würde sie im Fall eines WM-Starts auf den 15-jährigen Checkmate setzen. „Sie hat noch alle Chancen“, so Becker gegenüber dpa. Die endgültige Entscheidung, wer nach Kentucky reist, wird der Sendenhorster erst Ende September treffen, kurz vor der Abreise.
Nationenpreis:
Deutschland auf Platz zwei
Eigentlich sollte der Nationenpreis im Springstadion mit einem deutschen Sieg enden – doch am Ende reichte es für das Quartett von Bundestrainer Otto Becker wie schon 2009 „nur“ zum zweiten Platz. Ludger Beerbaum, Marcus Ehning, Janne-Friederike Meyer und Marco Kutscher mussten sich der Equipe aus Irland geschlagen geben, landeten aber vor dem hoch eingeschätzten Damenteam der USA. „Insgesamt hätten sie sehr gerne gewonnen, aber wir freuen uns auch über Platz zwei“, zog der Bundestrainer Bilanz. „Das war heute ein Wechselbad der Gefühle“, reflektierte er. „Wir sind aber wieder gut zurückgekommen und das zählt. Ich bin mit allen Paaren zufrieden.“
Dabei begann der erste Umlauf des Nationenpreises für die Deutschen optimal: Marco Kutscher steuerte den 14-jährigen Carthago-Sohn Cash fehlerfrei durch den von Frank Rothenberger entworfenen Parcours, der auf 560 Metern Länge mit zwölf Hindernissen einige Herausforderungen an Reiter und Pferde stellte. Dagegen patzten „Team-Küken“ Janne-Frederike Meyer – die 29-Jährige stand zum ersten Mal in der CHIO-Equipe – und ihr Holsteiner Cellagon Lambrasco direkt am ersten Sprung. Ein Weckruf: Danach lief es gut und das Paar galoppierte ohne weitere Fehler über die Ziellinie.
Ludger Beerbaum und die erst neunjährige Gotha lieferten dann das deutsche Streichergebnis im ersten Umlauf. Das Paar patzte an einem Sprung direkt vor der Tribüne, sammelte Folge- und Zeitfehler. „Gotha ist mit ihren neun Jahren ein noch junges Pferd, der bei speziellen Anforderungen noch die Erfahrung fehlt. Als Ludger ritt, stand die Sonne sehr tief und konnte leicht irritieren“, erklärte Otto Becker.
„Schlimmer hätte es kaum kommen können“, kommentierte Beerbaum selbst das Unglück. „Meine Stute hat sich an dem Kreuzsprung vertaxiert. Das kann passieren, denn ihr fehlt es noch an Erfahrung. Dass sie aber so gut weiter gesprungen ist, stimmte mich für den zweiten Umlauf zuversichtlich“, so der deutsche Rekord-Nationenpreisreiter. Marcus Ehning und Plot Blue brachten das deutsche Quartett mit einer Nullrunde wieder auf den richtigen Kurs.
In den zweiten Umlauf zogen gleich fünf Teams mit jeweils vier Fehlerpunkten ein. Deutschland, USA,
Irland, die Schweiz und Frankreich. Doch nur die Iren konnten dieses Ergebnis in der zweiten Runde mit drei Nullrunden halten. Ihr letzter Reiter, der in Münster lebende Denis Lynch – 2009 Sieger im Großen Preis von Aachen – brauchte seinen Lantinus gar nicht mehr zu satteln. Das gleiche Schicksal traf Marcus Ehning, der auf seine zweite Runde ebenfalls verzichten konnte. Weil die beiden letzten Amerikanerinnen, Nicole Simpson auf Tristan und Laura Kraut auf Cedric, jeweils einen Abwurf hatten, Janne-Friederike Meyer und Ludger Beerbaum nach einem Vier-Fehler-Ritt von Kutscher aber ohne Abwürfe blieben – nur ein Zeitfehler von Meyer wurde verbucht – konnte Ehning seinen Plot Blue schonen. Damit stand die Reihenfolge auf dem Siegertreppchen fest: Irland vor Deutschland und den USA. Platz vier teilten sich die Schweizer mit den Franzosen. Vor allem Ludger Beerbaum fiel nach der Nullrunde ein Stein vom Herzen: „Ich hatte schon etwas Schmetterlinge im Bauch, nach dem, was im ersten Umlauf passiert ist. Die zweite Runde war klasse und es hat richtig Spaß gemacht. Meine Stute hat ein großes Herz.“
Zum siegreichen irischen Team zählte neben Lynch der 2002-er Einzel-Weltmeister Dermott Lennon (41) auf dem irischen Wallach Hallmark Elite und der 30-jährige Cian O’Connor, der mit der Holsteiner Stute K Club Lady in beiden Umläufen fehlerfrei blieb. Der 33-jährige Billy Twomey musste mit der Tinka’s Boy-Tochter Tinka’s Serenade insgesamt vier Fehlerpunkte verbuchen.
Das irische Team, das zum fünften Mal in der Aachener Nationenpreis-Geschichte das Länderspiel für sich entscheiden konnte, triumphierte zuletzt 2003.
Der deutsche Neuling Janne-Friederike Meyer schlug sich wacker. „Ich habe mich sehr gefreut, hier im Team reiten zu dürfen. Ich hatte unheimlich tolle Unterstützung innerhalb der Mannschaft und es ist toll, dass nun auch Nachwuchsreiter eine Chance bekommen. Es ist natürlich absolut aufregend, wenn man in die Soers einreitet, aber am Ende muss man sich auf sich und sein Pferd konzentrieren und wenn es dann klappt, ist die Freude noch größer“, so Meyer. Siebenmal war die in Schleswig-Holstein lebende Amazone bereits in Nationenpreisen für Deutschland am Start – in Aachen feierte sie jedoch Premiere. Marcus Ehning war ebenfalls zufrieden. „Wir wollten vor diesem Publikum natürlich sehr gerne gewinnen, aber leider hat es nicht ganz gereicht“, so der 36-Jährige.
Olympiasieger Lamaze gewinnt Großen Preis
Für den ersten kanadischen Sieg im Großen Preis von Aachen überhaupt sorgte Eric Lamaze. Der 42-Jährige krönte seine Laufbahn am Sonntag mit dem Triumph in der Soers – und freute sich über 115.000 Euro Siegprämie.
Nur zwei Millisekunden Vorsprung hatte der Olympiasieger im Sattel des 14-jährigen KWPN-Hengstes Hickstead auf den zweitplatzierten Schweizer Pius Schwizer auf seiner neunjährigen Stute Carlina.
Auf dem dritten Platz landete der erst 25-jährige Spanier Sergio Alvarez-Moya auf dem belgischen Heartbreaker-Sohn Action-Breaker, die das Stechen der vier besten Paare mit einer fehlerfreien Runde eröffnet hatten. Meredith Michaels-Beerbaum und Shutterfly – die Sieger von 2005 – scheiterten bei ihrem wohl letzten gemeinsamen Versuch, den Großen Preis ein zweites Mal zu gewinnen. Zwei Abwürfe ließen den Traum der zierlichen Amazone zerplatzen. Einen weiteren Anlauf wird sie mit Shutterfly kaum wagen, denn der Braune ist bereits 17 Jahre alt.
Für Eric Lamaze war es nach seinem Olympiasieg 2008 auf Hickstead der wohl bedeutendste Moment seiner sportlichen Karriere. Der Kanadier, der in Ontario lebt, führte bisher keinesfalls eine Bilderbuchkarriere: Zwar nahm er bereits vier Mal an Weltmeisterschaften teil und holte dort 1994 in Den Haag Silber und 1998 in Rom Bronze. Doch dazwischen erlebte er auch Schattenseiten des Lebens: Der Kanadier stammt aus sozial schwierigen und ärmlichen Verhältnissen, seine süchtige Mutter saß wegen Kokainhandels im Gefängnis. Mit 14 verließ er die Schule, kämpfte sich dann im Reitsport nach oben und stürzte tief, als er mit Kokain und Ephedrin erwischt und gleich zweimal lebenslang gesperrt wurde. Nur dank geschickter Anwälte darf er überhaupt wieder international reiten. Das Auf und Ab scheint ihn, derzeit auch die Nummer eins der Weltrangliste, sprichwörtlich stärker gemacht zu haben, triumphierte er in Aachen doch sogar trotz einer Verletzung. Wahrscheinlich während des ersten Umlaufs bei der Landung in der dreifachen Kombination zog sich der 42-Jährige einen Bruch im Fuß zu. „Da habe ich einen Knacks gehört.“ Lamaze wurde inzwischen operiert: „In ein paar Wochen sitze ich wieder im Sattel“, prophezeite der Kanadier.
Für die Vorjahressieger Denis Lynch und Lantinus reichte es nach einem Abwurf im ersten Umlauf nur zu Platz 23.
CHIO-Premiere
für Golasch
Mitten unter die internationalen Stars mischten sich in Aachen auch einige rheinische Aktive. Zum Beispiel Andreas Knippling, der seinen Überraschungserfolg aus dem Vorjahr (Platz sechs im Großen Preis) mit seinem Wallach Neolisto van het Mierenhof aber nicht wiederholen konnte. Weil Ninja la Silla, das Pferd des Schweden Rolf-Göran Bengtsson, ausfiel, rutschte Knippling am Sonntag noch in die Top 40 – und durfte den Großen Preis reiten. Zunächst sah es auch nach einer fehlerfreien Runde für das beste rheinische Paar beim CHIO Aachen aus. Doch kaum waren Knippling und Neolisto über die Ziellinie, offenbarte die Uhr einen Zeitfehler. Damit verpasste er den zweiten Umlauf der Top 20 um Haaresbreite! Am Ende belegte das Paar Platz 21. Knippling war dennoch zufrieden, schließlich steckt er mitten im Baustress: Derzeit entsteht in Hennef seine eigene Reitanlage! Im September will Knippling diese mit seinen Pferden beziehen.
Während Knippling die Kulisse des Aachener Springstadion schon kannte, erlebte Rebecca Golasch ihren ersten Auftritt in der Soers. Die amtierende Deutsche Meisterin aus Kaarst musste im Sattel des 13-jährigen Schimmelhengstes Lassen Peak Lehrgeld bezahlen.
„Das ist ja beim CHIO Aachen keine Schande“, kommentierte die 31-Jährige. Ihr vorläufiger Karrierehöhepunkt verlief zu ihrer Zufriedenheit, auch wenn sicher noch Steigerungspotenzial vorhanden ist. Mit dem 13-jährigen Schimmelhengst Lassen Peak verpasste sie zwar die Qualifikation für den Großen Preis, doch „ich habe mein Ziel erreicht – einmal im Aachener Stadion zu springen“, schmunzelt die Springreiterin.
Nachdem sich das Paar im ersten Springen von der imposanten Kulisse hatte beeindrucken lassen, lief es am Mittwoch schon besser. Das Paar beendete den Preis der Städteregion Aachen auf Platz 15 – nach einer fehlerfreien Runde im Normalumlauf und einem Abwurf in der Siegerrunde. Dafür gab es eine Schleife – sehr zur Freude von Vater Wolfgang Golasch, der seiner Tochter auf der Tribüne kräftig die Daumen drückte. „Das ist ein großes Ereignis für die ganze Familie, ich habe Magenschmerzen vor Aufregung“, gab er zu.
Im Preis von Nordrhein-Westfalen am Freitag sammelten die beiden dann drei Abwürfe, landeten im Mittelfeld. Und auch im letzten Springen am Sonntagvormittag fiel eine Stange (32.). Ganz gut lief es dagegen mit der Stute Amageddon in der Youngster-Tour, mit der Golasch den Sprung ins Finale schaffte und sich mit einem Abwurf sowie einem Zeitfehler achtbar schlug (Platz 21). Zweitpferd KN Collorado sprang sogar im Eröffnungsspringen zu einer Schleife. Mit ihren neuen Teamkollegen wie Ludger Beerbaum und Marcus Ehning kam sie prima zurecht. Der Umgang sei sehr herzlich und offen, ja sogar familiär.
„Das war mein erster Auftritt beim CHIO Aachen und ich bin zufrieden“, zog Rebecca Golasch Bilanz. Der Start beim CHIO war für sie „ein Erlebnis der Superlative“. „Damit habe ich mir einen Traum erfüllt – in dieses Stadion zu galoppieren verursacht ein solches Kribbeln im Bauch – das ist der Wahnsinn.“ Beim Einreiten habe sie aber immer nach unten geschaut, erst nach dem Ritt den Blick in die Zuschauermassen gewagt. „Ich wollte gar nicht sehen, wie viele Leute mir da zuschauen.“ Rund 50.000 Zuschauer waren es zum Beispiel am Samstagabend.
Rheinisches Quartett über Gräben & Wälle
Vor diesen zirka 100.000 Augen ritten auch vier weitere junge rheinische Springreiter – die Brüder Frederic und Gilbert Tillmann, Tobias Thoenes sowie Frederik Knorren – am Samstagabend im Jagdspringen über Gräben und Wälle – auf Einladung des Veranstalters. Während Frederic auf Arizona Pie zwei Abwürfe kassierte, kam sein jüngerer Bruder Gilbert Tillmann mit seinem Derbyspezialisten Hello Max fehlerfrei ins Ziel. Beide freuten sich über eine Schleife (13. und 9.). „In diesem Stadion zu springen, wenn rund 50.000 Menschen einen anfeuern, das ist einfach toll“, so beide unisono. „Dagegen kommt einem die Kulisse beim Hamburger Derby klein vor“, so Gilbert, Derby-Fünfter des vergangenen Jahres.
Ob das Duo aus dem Rhein-Kreis Neuss jemals wieder in diesen Genuss kommen wird, über den legendären Rasen in der Soers zu galoppieren, ist ungewiss. „Aber wenn, dann ist es sicher genauso aufregend wie beim ersten Mal“, sagen sie. „Daran gewöhnt man sich nicht – das ist auch für absolute Weltklassepaare immer wieder eine Herausforderung.“
Wäre im Jagdspringen ein Preis für den schönsten Stil vergeben worden – er wäre sicher an Tobias Thoenes (Keppeln) und seinen Schimmelhengst Caressini L gegangen. Das Paar musste als erstes in den Parcours von Frank Rothenberger. Thoenes ging auf Nummer sicher – das Ergebnis war eine fehlerfreie, aber langsame Runde. Damit machte der Keppelner seine Sache gut, verpasste als 16. aber um Haaresbreite eine Schleife. Frederik Knorren (Würselen) und Esquire bekamen dagegen noch eine Schleife. Die beiden waren so schnell unterwegs, dass sie zwei Abwürfen zum Trotz noch auf Rang 15 landeten.
Weinbergs starke Perspektiven
Im Gegensatz zu den vier „CHIO-Neulingen“ ist Thomas Weinberg im Aachener Springstadion quasi zu Hause. Der Herzogenrather, Mitglied des Perspektivkaders, sattelte in der Soers einmal mehr seinen bewährten Rappen Escobar, mit dem er auch Schleifen sammeln konnte, unter anderem für Platz sieben im Progressivspringen sowie für Platz 13 im letzten Springen vor dem Großen Preis. Doch der Rappe hatte insgesamt verhalten begonnen und lief auch in den letzten Springen nicht ganz zu seiner absoluten Topform auf.
Mit Sandrhea-Star verpasste Weinberg unter anderem im Preis von Nordrhein-Westfalen nach einem Abwurf eine Schleife. Doch das bedeutete nach einem schwachen Start mit vier Abwürfen im ersten Springen eine Formsteigerung.
Den besten Eindruck von Thomas Weinbergs Pferden hinterließ ausgerechnet der Jüngste: Im Youngster-Cup steuerte Weinberg seinen Oldenburger Fuchs Dorian Red im Finale auf Platz 14, nachdem das Paar in den beiden Qualifikationen die Plätze vier und elf belegt hatte.
Damit konnte auch er eine insgesamt positive Bilanz seines CHIO-Auftritts 2010 ziehen.
Mareike Roszinsky