EM Junioren/Junge Reiter Dressur

Deutschlands Golden Girls

Sechs Goldmedaillen gewann der deutsche Dressurnachwuchs bei den Europameisterschaften. Auf dem Schafhof im hessischen Kronberg feierten die Junioren und Jungen Reiter ein wahrhaft goldenes Championat.

 
Der deutsche Dressurnachwuchs machte bei der Europameisterschaft Ende Juli klar, dass die Konkurrenz – vor allem aus den Niederlanden – sich trotz Totilas, Parzival und Co. in den kommenden Jahren warm anziehen muss. Die deutschen Junioren und Jungen Reiter gewannen bei ihrem „Heimspiel“ auf dem Schafhof der Familie Linsenhoff im hessischen Kronberg alle sechs Goldmedaillen. Sowohl in der Mannschaftswertung wie auch in den beiden Einzelprüfungen gingen die Titel jeweils an deutsche Aktive.
„Es tut mir ja schon fast ein bisschen leid für die anderen, dass wir hier alle Goldmedaillen geholt haben, aber ich finde auch, dass wir in der letzten Woche in Aachen oft genug die niederländische Nationalhymne gehört habe“, sagte Breido Graf zu Rantzau (Breitenburg), Präsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), schmunzelnd angesichts der Erfolge der deutschen Nachwuchsreiter.
Für den deutschen Nachwuchs waren es die erfolgreichsten Europameisterschaften seit Jahren: Erstmals seit 2002 gab es wieder Doppelgold in den Mannschaftswertungen und mit den Goldmedaillen in der Einzelwertung und in der Kür für Charlott Maria Schürmann (Gehrde) mit World of Dreams bei den Junioren und Fabienne Lütkemeier (Paderborn) mit D‘Agostino bei den Jungen Reiter noch einen drauf. Hinzu kam zwei Mal Einzel-Silber für Sanneke Rothenberger (Bad Homburg) mit Deveraux OLD.
Auch die rheinischen Aktiven schlugen sich toll. Louisa Lüttgen (Kerpen) gehörte ebenso zu Deutschlands Golden Girls wie Jill de Ridder (Aachen) und Florine Kienbaum (Lohmar).
 
 
Erstes Doppelgold
seit 2002
 
Die deutschen Junioren legten vor: Direkt am ersten Tag ging das Quartett in der Besetzung Charlott-Maria Schürmann (Gehrde) mit World of Dreams, Jill de Ridder (Aachen) mit Charmeur, Sophie Holkenbrink
(Münster) mit Show Star und Florine Kienbaum (Lohmar) mit Good-Morning M in Führung.
Florine Kienbaum eröffnete als erste Reiterin den Kampf um den Mannschaftstitel. Die Rheinländerin steuerte ihren Fuchs Good Morning M zu 70,649 Prozent. Zu gleichem Ergebnis trabte später Sophie Holkenbrink. Damit lagen die deutschen Junioren nach dem ersten Tag in Führung und gaben diese auch bis zum Ende nicht mehr an ihre Verfolger aus den Niederlanden und Dänemark ab.
Jill de Ridder, Doppel-Europameisterin des Jahres 2007, landete mit Charmeur mit 71,73 Punkten auf Platz drei. „Charmeur ist erst acht. Er stammt aus der Zucht meiner Großeltern, die auch hier sind und sehr stolz darauf sind, dass ihr Pferd hier an den Start geht“, freute sich die Schülerin. Das beste Ergebnis für das deutsche Juniorenquartett erzielte Charlott-Maria Schürmann. „Es ist toll hier zu reiten, es ist eine ganz spezielle Atmosphäre“, sagte die 17-Jährige, die den gleichaltrigen Hengst World of Dreams vorstellte. Die Preis-der-Besten-Siegerin, die als letzte deutsche Starterin aufs Viereck musste, kam auf 73,459 Punkte.
Damit hatten die deutschen Juniorinnen Gold sicher. Mit einem Endstand von 215,838 Punkten verwiesen sie die Dauerkonkurrenten aus den Niederlanden auf Platz zwei (212,432). Die Bronzemedaille ging an das Team aus Dänemark (205,513). Insgesamt bewarben sich 15 Nationen um den Titel des Junioren-Mannschaftseuropameisters.
Durch das identische Ergebnis von Florine Kienbaum und Sophie Holkenbrink gab es kein Streichergebnis. Ein Umstand der die ohnehin ausgelassene Stimmung im Team weiter steigerte. Denn laut Reglement werden zur Errechnung des Teamergebnisses die besten drei Ergebnisse der vier Mannschaftsreiter herangezogen. „Wir hatten jeweils zwei Paare unter den ersten drei und zwei Paare punktegleich auf Platz fünf. Damit hatten wir kein schlechtestes Ergebnis, sondern alle waren am Mannschaftsergebnis beteiligt“, freute sich Kerstin Holthaus (Stödtlen) von der FN-Bundesjugendleitung über diesen Zufall, der sogar gleich zwei Mal auftrat.
Denn auch den Jungen Reitern gelang dieses seltene Kunststück! Da waren es die Rheinländerin des Quartetts, Louisa Lüttgen (Kerpen) mit Habitus, im vergangenen Jahr Mitglied im Junioren-Goldteam, und Stella Charlott Roth (Alsbach-Hähnlein) mit Diva Royal, die mit denselben Noten das Viereck verließen. Sie brachten beide 71,895 Punkte für die Mannschaftswertung bei den Jungen Reitern ein und belegten damit in der Einzelwertung ebenfalls den fünften Platz.
Kopf-an-Kopf beendeten Lüttgens langjährige Teamkollegin Sanneke Rothenberger (Bad Homburg) mit Deveraux OLD und die Vorjahres-Küreuropameisterin Fabienne Lütkemeier (Paderborn) mit D‘Agostino die Mannschaftsprüfung. Bei Sanneke Rothenberger, die in den vergangenen beiden Jahren bei den Junioren-EM sämtliche Goldmedaillen gewann, kletterte die Wertung im Zwischenstand sogar auf über 78 Punkte. Am Ende wurden es 75,158 Prozent. „Mein persönlicher Rekord in dieser Prüfung“, sagte die Reiterin.
Ihr Ergebnis hätte bereits für den deutschen Sieg ausgereicht, doch Fabienne Lütkemeier legte noch einen drauf. Als letzte Starterin kam sie auf 75,316 Prozent. Damit durfte sich die deutsche Mannschaft 222,37 Punkte anrechnen lassen – und holte Gold. Die niederländische Mannschaft holte mit 213,16 Punkten Silber. Bronze ging wie bei den Junioren an Dänemark (206,948).
 
 
Auch im Einzel
dominierend
 
In der Einzelwertung konnten alle deutschen Golden Girls ihre starken Leistungen aus dem Mannschaftswettbewerb bestätigen. Alle vier Goldmedaillen aus Einzel und Kür gingen nach Deutschland.
Dominierende Reiterin bei den Junioren war die 17-jährige Charlott Schürmann mit World of Dreams. Sie sicherte sich auch in der Einzelwertung und in der Kür die Goldmedaille.
„Es ist unglaublich, ich kann es kaum beschreiben“, sagte die frisch gekürte dreifache Europameisterin. Mit ihrem Erfolg setzt sie die Tradition von Sanneke Rothenberger fort, der 2008 und 2009 der Hattrick bei den Junioren gelungen war. Jeweils Silber ging an die Dänin Catherine Dufour mit dem erst siebenjährigen Fuchswallach Atterupgaards Cassidy, zwei Mal Bronze durfte die Niederländerin Danielle Houtvast mit Rambo in Empfang nehmen.
Für die größte Überraschung aus deutscher Sicht sorgte EM-Debütantin Sophie Holkenbrink. Mit dem gekörten Oldenburger Hengst und ehemaligen Bundeschampion Show Star hatte sie sich in der Mannschaftsprüfung noch mit Florine Kienbaum und Good-Morning M den fünften Platz geteilt. In der Einzelwertung verpasste sie nur knapp einen Medaillenrang. In der Kür musste sie als letzte Starterin aufs Viereck und wurde Sechste. „Heute war ein bisschen die Power raus“, sagte die 17-Jährige. „Aber ich bin total zufrieden mit meinen Ergebnissen. Eigentlich habe ich gar nicht damit gerechnet, dass ich in die Kür komme. Wenn mir vorher einer gesagt hätte, dass ich hier Vierte, Fünfte und Sechste werden würde, hätte ich ihn wahrscheinlich ausgelacht.“
Knapp einen Platz in den Top Ten verpasste in der Kür Jill de Ridder mit dem Carabas-Nachkommen Charmeur. In der Mannschaftswertung hatte sie noch als zweitbeste Deutsche Platz drei belegt. In der Einzelwertung wurde sie Siebte, in der Kür Elfte.
 
 
Kür ohne Kienbaum
und Lüttgen
 
Nicht ins Finale einziehen durfte Florine Kienbaum. In der Einzelwertung war sie als letzte Starterin aufs Viereck gegangen und hatte Platz 14 belegt. Damit wäre sie eigentlich für die Kür der besten 15 qualifiziert gewesen, scheiterte jedoch an der Klausel, dass das Finale auf drei Paare pro Nation beschränkt ist.
Auch bei den Jungen Reitern traf dieses Schicksal mit Louisa Lüttgen und Habitus ein rheinisches Paar. Die sechsmalige EM-Teilnehmerin landete in der Einzelwertung auf Platz zwölf und verpasste damit den Start in der Kür, wo die Zuschauer erneut einen deutschen Sieger erlebten: Fabienne Lütkemeier mit D‘Agostino.
Die Preis-der-Besten-Siegerin und Vorjahres-Küreuropameisterin verteidigte vor voller Tribüne erfolgreich ihren Titel und krönte damit ihr letztes Junge-Reiter-Jahr mit dem Gewinn von drei Goldmedaillen. „Wir hatten hier so viele brillante Junge Reiter und Pferde. Dass ich gewonnen habe, ist wie ein Traum“, sagte sie.
Zweimal Silber gab es für Sanneke Rothenberger. Die 17-Jährige hatte sich in diesem Jahr vorzeitig in die höhere Altersklasse stufen lassen, nachdem sie in den vergangenen beiden Jahren zwei Mal hintereinander Triple-Europameisterin der Junioren geworden war. „Ich wollte mich nicht dem Druck aussetzen, noch einmal gewinnen zu müssen“, sagte sie. Mit ihren Silbermedaillen tritt sie in die Fußstapfen ihres Vaters, Mannschaftswelt- und -europameister Sven-Günter Rothenberger (Bad Homburg), der 1987 mit Eschnapur Vize-Europameister bei den Jungen Reitern war. Er musste damals nur der späteren Olympiasiegerin Nicole Uphoff den Vortritt lassen.
Lediglich die Bronzemedaillen gingen bei den Jungen Reitern außer Landes. In der Einzelwertung landete Danielle van Mierlo aus den Niederlanden mit BMC Ucento auf Platz drei, in der Kür machte Anna Kasprzak mit Blue Hors Future Cup mit Platz drei den dänischen Triumph perfekt.
Ihr letztes Junge-Reiter-Jahr und zugleich ihre erste EM bestritt in Kronberg Stella Charlott Roth. Als dritter deutscher Reiterin war ihr der Sprung ins Kürfinale gelungen. Die 20-Jährige, deren Großeltern aus Kronberg stammen, avancierte zum „Shooting Star“ der Saison. Zwar nahm sie schon früher an Deutschen Meisterschaften teil, doch erst mit Diva Royal gelang ihr der endgültige Durchbruch.
Mit der achtjährigen Hannoveraner Stute, im vergangenen Herbst mit Roths Trainerin Dorothee Schneider Vierte im Finale des Nürnberger Burgpokals (übrigens hinter Fabienne Lütkemeier und D‘Agostino, die Zweite wurden) landete Stella Charlott Roth auf Platz vier in der Einzelwertung, belegte in der Kür den sechsten Platz und hat damit ihr Ziel „ins Finale zu kommen“ mehr als erreicht.
 
MR/FN-Press
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