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20.03.2018 | News

Biomechanik und klassische Reitausbildung

Michael Rohrmann und Gut Anstelburg hatten unterstützt durch Katrin Meyer im Februar ein spannendes Seminar-Wochenende angekündigt: Reitern/ Pferden, aber auch Zuschauern sollte Gelegenheit geboten werden, das Ineinandergreifen der klassischen Reitausbildung (vertreten durch Angelika Frömming), der Bewegungslehre nach Eckard Meyners (repräsentiert durch Michael Rohrmann) und letztlich der Bio-Mechanik (vertreten par excellence durch Stefan Stammer) zu erleben.

Frau Frömming leitete mit einem interessanten und reichlich illustrierten Vortrag über die Geschichte der Biomechanik am Freitag-Abend den Seminar-Teil ein. Bereits in der Antike hat Aristoteles (384-322 v. Chr.) Bewegungsabläufe detailliert beobachtete. In der Hochrenaissance war es Leonardo Da Vinci (1452-1519), der an Pferden Messungen vornahm, um sie naturgetreuer abbilden zu können. Der Darstellungen des Pferdekörpers von Michelangelo (1475-1564) schloss sich – zeitlich natürlich nicht nahtlos – Carlo Ruini (1530-1598) an: Seine Veröffentlichungen geöffneter Tierkörper gelten als Meilenstein in der Veterinärmedizin. Borelle (1608-1679) erklärte die Prozesse im lebenden Organismus nach den Gesetzen der Statik und Hydraulik und somit in Bereichen, die auch heute noch Geltung haben. George Stubbs (1724-1808) sezierte Pferde, um diese Zusammenhänge besser erklären zu können. Zwar gilt die Biomechanik laut Frömming seit Mitte der 1960er Jahre als eigenständiges Fachgebiet. Die Teilnehmer (je hälftig Pferdewirte/-wirtschaftsmeister (davon zu einem großen Teil Bewegungstrainer EM) sowie Amateure) wähnten sich zu diesem Zeitpunkt der Veranstaltung aber noch im „Reich der Geschichte“.

Dies änderte sich am Folgetag sehr rasch. Stefan Stammer überzeugte durch körper-eigene Übungen und demonstrierte sehr nachvollziehbar, dass im (Pferde-) Körper nur positive Spannung hilfreich ist.

Die Experten Stammer/Frömming/Rohrmann zeigten im Anschluss am Samstag-Nachmittag und Sonntag an Reiter/Pferde-Paarungen vom jungen Dressur-/Springpferd bis hin zu bereits auf Kandarre gerittenem Dressur-Pferd, dass es für ein losgelassenes, in positiver Anspannung zufrieden arbeitendes Pferd eigentlich „nur wenig“ braucht: Das biomechanische Verständnis für das Vorhandene samt ggf. erforderlicher Korrekturen im Sinner der STAMMER KINETICS und die dem entsprechende, ergänzende Umsetzung der klassischen Reitausbildung auf der Basis der zuvor ermittelten primären Natur! Schon am zweiten Praxis-Tag war augenscheinlich, was für eine segensbringende Kombination es sein kann, wenn die Prinzipen der klassischen Reitkunst der biomechanischen Situation des jeweiligen Pferdes entsprechend eingesetzt werden:

  • Es gibt keine Tricks/keine einmaligen Ausbildungs- oder sonstigen Ratschläge; sondern naturwissenschaftliche, genauer bio-mechanische Gegebenheiten; insbesondere
  • das Denken in Funktionsketten (wie es auch in der Bewegungslehre EM berücksichtigt wird).
  • Geduldige und individuelle, fortlaufende Beachtung des Pferdes/seiner biomechanischen Gegebenheiten; gepaart mit
  • dem unentbehrlichen, adäquaten Reiten als bester Hilfe für das Pferd.
  • Selbstredend ist das Coaching eines in dem Sinne wirklich guten (Reit-) Ausbilders unentbehrlich.

Unsere (Deutsche) klassische Reitlehre kann hier optimal sein. Wenn sie denn – insbesondere ohne pauschalen Leistungsdruck – gekonnt vermittelt und eingesetzt wird: Dass man mit Sporeneinsatz keinen Pferde-Brustkorb anheben kann, sollte klar sein. Daneben war es eine Freude zu erleben, dass es in dieser Kombination binnen kürzester Zeit möglich war, den Schritt in Richtung wirkliche Losgelassenheit, Leichtigkeit, Harmonie pp. zu beschreiten – und es letztlich zur Gesunderhaltung unseres Partners Pferd keiner regelmäßiger „Guru-Besuche“ braucht. Die im obigen Sinne fundierte, regelmäßig und ruhige Befassung des Reiters mit seinem Pferd kann vollkommen ausreichend sein. Volltreffer!

Christian Weiß


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