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16.04.2020 | News

Corona-Krise: Stillstand in Steele-Horst

Alexandra Schmitz, 1. Vorsitzende des RFV Steele-Horst, mit den in der Corona-Krise "arbeitslosen" Schulpferden Patty und Max.
Alexandra Schmitz, 1. Vorsitzende des RFV Steele-Horst, mit den in der Corona-Krise „arbeitslosen“ Schulpferden Patty und Max.

Reiter sind die einzigen Sportler, die seit den Beschränkungen im öffentlichen Leben wegen der Verbreitung des Corona-Virus zumindest noch eingeschränkt ihrem Sport nachgehen und ihre Pferde versorgen dürfen. Für private Pferdehalter/Reiter bedeuten diese Einschränkungen auf die Notversorgung der Vierbeiner in den aktuellen Zeiten definitiv noch ein gewisses Privileg. Doch Pferdebetriebe, Vereine, Reitschulen, Berufsreiter und alle, deren wirtschaftliches Überleben von Turnierveranstaltungen abhängt, sind schon nach den ersten Wochen „Lockdown“ von Verlusten gebeutelt. RRP hat vor Ostern unter anderem den RFV Steele-Horst in Essen nach seiner Durchhaltestrategie in der Corona-Krise befragt.

Stillstand in Steele-Horst

Keine Frage, besonders schlimm trifft die Krise die Reitställe, die Unterricht auf eigenen Schulpferden anbieten. Der RFV Steele-Horst in Essen hat in seiner langjährigen Vereinsgeschichte einige Umbrüche und Wandel durchlebt, doch auf eine Konstante konnte er immer zurückgreifen: den Schulbetrieb. Mit sechs Schulpferden wurde 1966 der Grundstein am Schultenhof gelegt und bis vor kurzem konnten kleine und große Pferdenarren auf neun Ponys und drei Großpferden hier reiten lernen und voltigieren. Seit Mitte März herrscht gähnende Leere in den Reithallen und auf den Plätzen des größten Essener Reitvereins. Es findet kein Unterricht mehr statt und die Einstaller werden angehalten, sich maximal zwei Stunden am Stall aufzuhalten.

„Als der Erlass veröffentlicht wurde, dass der Betrieb in Sportbetrieben und -vereinen eingestellt werden muss, haben wir sofort reagiert und unseren Schulbetrieb geschlossen. Auch wenn zu dem Zeitpunkt noch keine direkte Rede von Reitbetrieben war, war uns das Risiko zu groß, wenn sich so viele Menschen nachmittags auf unserem Gelände aufhalten”, erklärt Alexandra Schmitz, die erste Vorsitzende des Essener Traditionsverein. „Unsere Mitarbeiter und Einstaller sollten so wenig wie möglich der Gefahr einer Ansteckung ausgesetzt sein.” Wenige Tage später erfolgte die Verordnung in NRW, dass auch Reitbetriebe ihren Unterricht einstellen sollten.

Im nächsten Schritt wurden die Spring- und Dressurstunden für die Einstaller des RFV Steele-Horst auf Eis gelegt. „Es gibt auch keinen Einzelunterricht mehr bei uns. Eigentlich ist alles bei uns zum Erliegen gekommen”, so Alexandra Schmitz. Maximal dürfen sich auf der Anlage, die insgesamt fast 60 Pferde beherbergt, inklusive Mitarbeiter nur 15 Menschen zeitgleich befinden.

„Dadurch, dass wir zwei Reithallen und zwei Außenplätze haben, gibt es für die Reiter genug Möglichkeiten, sich aus dem Weg zu gehen. Es verteilt sich dadurch so gut, dass wirklich nie mehr als drei Reiter zugleich ihre Pferde bewegen.” Um das zu gewährleisten, bedarf es bei einem Betrieb von so einer Größe einer gewissen Planung. „Unsere Einstaller müssen im Vorfeld einen Plan abgeben, zu welchen Zeiten sie in der nächsten Woche am Stall sein werden. So können wir uns ein Bild davon machen, zu welchem Zeitpunkt sich zu viele Menschen am Stall aufhalten würden und schon im Vorfeld einschreiten”, erklärt die erste Vorsitzende. Um zu überprüfen, ob jeder sich auch an das vorgegebene Zeitfester von zwei Stunden hält, liegt eine Anwesenheitsliste aus, auf der man sich ein- und austragen muss. „Ich hätte es nie gedacht, aber es ist wirklich möglich, in zwei Stunden sein Pferd zu putzen, zu reiten und die Box ordentlich zu misten. Für Smalltalk oder ähnliches bleibt dann aber natürlich keine Zeit”, fasst Alexandra Schmitz zusammen. „Das System klappt bis jetzt ganz gut und wir haben alle dazu angehalten, bei den geringsten Erkältungserscheinungen zu Hause zu bleiben.”

Soforthilfe und Spenden

Neben den Maßnahmen, die auf dem Hof zum Schutz der Mitarbeiter und Einstaller getroffen wurden, besteht die wichtigste Aufgabe darin, den finanziellen Schaden durch den Stillstand des Schulbetriebes so klein wie möglich zu halten. Die Einnahmen bleiben aus, aber die laufenden Kosten wie Futter, Einstreu, Schmied- und Tierarztkosten bleiben bestehen.

Neben der finanziellen Soforthilfe in Form des NRW-Paketes, das gerade beantragt wird, hofft der RFV Steele-Horst, dass die Eltern der Kinder, die im Schulbetrieb reiten und voltigieren, dem Verein durch eine Spende unter die Arme greifen. „Als wir den Schulbetrieb eingestellt haben, wurde sofort der Bankeinzug für den monatlichen Betrag der Reitstunden gestoppt”, erklärt Alexandra Schmitz. „Aber wir haben den Eltern in einem Brief unsere prekäre Lage geschildert und gefragt, ob sie uns weiterhin unterstützen können. Dafür werden wir den Eltern im Gegenzug eine Spendenquittung ausstellen.” Der Großteil der Eltern zeigte Verständnis für diesen Ausnahmefall und spendete den Monatsbeitrag. Was nicht selbstverständlich ist, betont Alexandra Schmitz. „Ich bin total glücklich darüber, dass wir so viele loyale Kunden haben. Die Absagen, die uns erreicht haben, kann man an einer Hand abzählen. Diejenigen haben geschrieben, dass es ihnen schrecklich leidtut, aber dass sie die Zahlung aussetzen müssen, da sie es sich zum Beispiel aufgrund von Kurzarbeit nicht leisten können. Dafür haben wir natürlich auch Verständnis.”

Da man noch nicht absehen kann, wie lange der Ausnahmezustand noch andauert, wird in Steele-Horst derzeit nur von einem auf den anderen Tag geplant und versucht, sich den sich immer wieder ändernden Gesetzen und Verordnungen anzupassen. „Ich bin mit den Eltern so verblieben, dass wir uns Ende April wieder melden werden, da ja keiner weiß wie lange die strengen Maßnahmen noch andauern werden.” Doch wie lange die Eltern der Reitschüler den Reitverein durch Spenden unterstützen, wenn das Kontaktverbot länger bestehen bleibt, kann Alexandra Schmitz natürlich nicht abschätzen.

Soziale Medien nutzen, um Schulreiter auf dem Laufenden zu halten

Neben den Kosten, die monatlich für die Schulpferde anfallen, gilt es aber auch, die Pferde im Training zu halten. „Es reicht leider nicht aus, wenn wir die Pferde nur auf die Weide oder den Paddock stellen. Unsere Mitarbeiter müssen die Schulpferde bewegen, aber es helfen zum Glück auch unsere Einstaller bei der Versorgung.” Auch wenn die Schulpferde über eine kleine Auszeit vermutlich nicht böse sind, warten die Reitschüler des RFV Steele-Horst schon sehnsüchtig darauf, sich wieder in den Sattel schwingen zu dürfen. „Unsere Trainer kriegen viele Nachrichten von den Kindern, dass sie die Ponys vermissen. Letzte Woche musste meine Tochter Larissa, die hier auch Unterricht gibt, sogar Fotos von den Schulponys per WhatsApp verschicken. Die Kleinen sind richtig traurig, dass sie nicht mehr zum Stall dürfen.”

Ebenfalls betroffen: Selbstständige Trainer des Vereins

Durch den Erlass, dass zurzeit kein Unterricht gegeben werden darf, hat nicht nur der Verein finanziell erhebliche Einbußen, sondern auch die Trainer. Dazu gehört auch Nathalie Bohl, die bei ihrem Heimatverein, dem RFV Steele-Horst, und anderen Betrieben regelmäßig Unterricht gibt und Beritt anbietet. „Es ist eine Katastrophe für mich. Von einem auf den anderen Tag konnte ich nicht mehr arbeiten”, erzählt die Pferdewirtin. Nach ihrer Ausbildung auf dem Silberberghof begann Nathalie Bohl mit dem Jura-Studium in Bochum und finanziert sich seither mit Unterricht und Beritt ihren Lebensunterhalt. „Mit so einer Situation habe ich nicht gerechnet. An manchen Ställen haben sogar nur die Pferdebesitzer Zutritt, so dass ich auch den Beritt einstellen musste.“ Mit dem Betrag, den sie mit Unterricht und Beritt normalerweise jeden Monat verdient, hat die Studentin fest gerechnet und muss sich jetzt Alternativen überlegen. „Gerade wenn man ein eigenes Pferd hat, kommen jeden Monat derartige Fixkosten auf einen zu, dass ich es mir nicht erlauben kann, mehrere Wochen nicht zu arbeiten”, erklärt die 25-Jährige.

Turnier im September?!

Neben der Sorge um den Schulbetrieb und dem Aufwand, den die Vorsichtsmaßnahmen mit sich bringen, muss sich der Vorstand des RFV Steele jetzt langsam entscheiden, ob das traditionelle Septemberturnier überhaupt stattfinden soll. „Selbst wenn Sportveranstaltungen dann wieder erlaubt sind, bedeutet es natürlich ein finanzielles Risiko für uns, wenn wir wie bisher ein dreitägiges Turnier mit Prüfungen bis zur Klasse S* ausschreiben, wenn uns Sponsoren abspringen sollten”, erklärt Alexandra Schmitz. „Es wäre das erste Mal in unserer Vereinsgeschichte, dass wir kein Turnier ausrichten würden, was wirklich sehr schade wäre! Es ist für jeden von uns das absolute Highlight im Jahr, in das wir viel Zeit und Energie stecken.”

Juliane Körner


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