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06.03.2019 | News

Grenzenlos reiten in der EU?!

Grenzenloses reiten ist laut EU nicht ohne weiteres möglich - zumindest nicht ohne EU - Gesundheitszeugnis... Foto: Rainer Liese
Grenzenloses reiten ist laut EU nicht ohne weiteres möglich – zumindest nicht ohne EU – Gesundheitszeugnis… Foto: Rainer Liese

Ein Springturnier in Holland melden? Eine Einladung zum Ausritt am belgischen Strand annehmen? Sich zum Kutschenkorso in Venlo anmelden? Ein Ausritt im Grenzgebiet? Grenzenloses reiten ist laut EU nicht mehr ohne weiteres erlaubt. Wie eine EU-Verordnung immer noch den gemeinsamen Austausch mit unseren Reitfreunden in den Nachbarländern ausbremst…

EU-Gesundheitszeugnis ist Pflicht

Tausende westdeutscher Reiter und Kutschfahrer tun mehrfach jedes Jahr etwas Illegales. Fast alle davon unbewusst. Sie überschreiten im Sattel, auf dem Kutschbock oder mit dem Pferdeanhänger die Grenze zu den BeNeLux oder Frankreich. Sie nennen am Wochenende eines der sehr zahlreichen Reitturniere bei unseren Nachbarn oder wollen einfach nur auf den perfekt  ausgewiesenen Reitwegenetzen von Euregio, hohes Venn oder am Nordseestrand die Natur pur genießen. Und im Gegenzug tun das unsere Nachbarn das genauso. Das Überreiten oder Überfahren der Grenze mit dem Pferd ist aber bereits seit 2005 ohne EU-Gesundheitszeugnis nicht mehr erlaubt – und wird neuerdings auch hart geahndet.

Es war vor 15 Jahren

Bereits am 22. Dezember 2004 hatte der EU Rat eine neue „Verordnung über den Schutz von Tieren beim Transport“ beschlossen. Ein Papier, welches den bis dato oftmals tierschutzwidrigen Transport von Nutz- und Schlachtvieh zum Wohl des Tieres regelt. Ein damals längst überfälliger Erlass, der seit dem unseren Nutztieren viele Qualen beim Transport erspart.Heimtiere wie Hauskatzen, Hunde etc. wurden darin ausgeklammert, für sie reicht bis heute der sogenannte Heimtierausweis mit eingetragenen Impfungen als Reisedokument aus.

Pferde reisen Erster Klasse

Was die EU-Ratsmitglieder (wahrscheinlich alle Nichtreiter) allerdings nicht berücksichtigten, war die Tatsache, dass mit diesem Beschluss Reitpferde mit dem Schlachtvieh auf eine Stufe gestellt werden. Diese reisen aber, im Gegensatz zu Schweinen und Rindern, schon immer in der Tier- Business-Class. Eine bequeme Gangway, Bordverpflegung, Wind- und Wetterschutz, Fensterplätze, Haltegeländer, Orientierungsleuchten sind dabei ebenso Standard wie Beinschutz und gegebenenfalls eine kuschelige Decke.

Doch der Amtsschimmel wiehert nun kräftig vor sich hin. Wer bisher dachte, dass der Equidenpass, der doch alle erforderlichen Impfungen seines Pferdes dokumentiert und in Englisch, Französisch und Deutsch ausgestellt ist, für einen Grenzübertritt zum Beispiel nach Holland, Frankreich, Belgien oder Luxemburg reicht, irrt gewaltig.

Seit dem 01.01.2005 ist jeder deutsche Turnierstarter oder Freizeitreiter verpflichtet, beim sogenannten „Verbringen von Equiden“ zusätzlich ein aktuelles EU-Gesundheitszeugnis mit sich zu führen. Dazu gehört auch das bloße Reiten über eine EU-Grenze, z.B. bei Reitern, die im Grenzgebiet wohnen und dort nur mal eben ausreiten.

Gigantischer Aufwand

Die Ausstellung eines EU-Gesundheitszeugnisses hört sich einfach an, ist aber ein unglaublicher Verwaltungsakt. Nach Rückfrage mit dem Veterinäramt sieht das Prozedere folgendermaßen aus:

1) 48 bis 62 Stunden vor der Abfahrt muss ein Fax oder eine E-Mail an das zuständige Veterinäramt erfolgen. Das Formblatt „Anmeldung innergemeinschaftlicher Tiertransport“ ist z.B. auf der Website des Kreis-Kleve (www.kreis-kleve.de, Stichwortsuche „Handelsverkehr Pferde“) aufrufbar.

2) Der Amts-Tierarzt macht dann im Stall kurzfristig mit dem Eigentümer einen Untersuchungstermin, um das Pferd zu begutachten und dann die Dokumente auszustellen.

3) Kosten, je nach Anzahl der Pferde, zwischen 50 Euro (1-4 Pferde) bis 169 Euro für größere Transporte. Hinzu kommen Verwaltungsgebühren und Wegekosten. Für ein einzelnes Reitpferd sind so minimal 80 Euro fällig.

4) Gültigkeit des Dokumentes: Nur zehn Tage! Danach muss das Ganze wieder neu beantragt werden. Wer also mehrmals im Jahr mit dem Pferd in unsere EU-Nachbarländer fährt oder reitet, zahlt dafür schnell den Preis einer All-Inclusive-Woche auf Mallorca.

Günstiger wird es aber auch nicht, wenn man (illegalerweise) kein Zeugnis dabei hat. Auf BeNeLux-Seite werden von den Behörden in den letzten Jahren immer häufiger auch deutsche Reiter kontrolliert. Ist man ohne die Papiere unterwegs, werden Geldstrafen ab 500 Euro fällig – mit der gleichzeitigen Aufforderung, sofort zu wenden und das Land wieder Richtung Deutschland zu verlassen.

Sonder-Abkommen zwischen unseren Nachbarn

Was diesbezüglich erstaunt, ist die Tatsache, dass sich bereits 2007, nur zwei Jahre nach Inkrafttreten dieser EU-Verordnung, die Niederlande, Luxemburg und Belgien zusammengesetzt hatten, um ein Abkommen zu unterzeichnen. Darin werden Pferdebesitzer, die zum Beispiel zu Reitturnieren oder kulturellen Veranstaltungen reisen, also zu nicht-kommerziellen Zwecken mit ihrem Pferd unterwegs sind, von der EU-Richtlinie ausgenommen. Frankreich ist diesem Abkommen 2017 auch beigetreten. (nachzulesen beim Königlich Niederländischen Reitverband www.knhs.nl Stichwortsuche: Transport Paarden). Darin heißt es:

„Jeder Halter eines Zucht- oder Nutztieres oder eines Schlachttieres, der dieses innerhalb der EU verbringen oder in ein Drittland ausführen lassen möchte, muss eine Gesundheitsbescheinigung beantragen. Haus- bzw. Heimtiere sind nur betroffen, wenn die Verbringung zu Handelszwecken erfolgt. Unter gewissen Umständen bedarf die Verbringung von Pferden zwischen Belgien, Frankreich, Luxemburg und den Niederlanden keiner im Vorfeld beantragten Gesundheitsbescheinigung, vorausgesetzt, dass die Pferde in ihr Herkunftsland zurückkehren.

 Diese Ausnahme betrifft Pferde welche:

  • zu Sport- oder Freizeitzwecken geritten oder geführt werden;
  • an kulturellen Veranstaltungen teilnehmen;
  • ausschließlich zu Weidezwecken oder zum Arbeitseinsatz für eine maximale Dauer von 90 Tagen eingesetzt werden;
  • aus tierärztlichen Gründen transportiert werden.

Die Equiden müssen aber korrekt identifiziert werden, mit einem gültigen Ausweis unterwegs sein und unter Bedingungen transportiert werden, die das Wohlergehen des Tieres sicherstellen.“

Es wird Zeit  für Deutschland

Deutschland hat leider bis heute dieses Abkommen nicht mit unterschrieben. Obwohl das NRW-Landwirtschaftsministerium dem auch sehr wohlgesonnen gegenübersteht, darf es als Landesamt bilaterale Abkommen mit anderen Staaten nicht unterzeichnen. Das ist alleinige Sache der Bundesregierung. Selbst die Veterinärämter, hauptsächlich in den grenznahen Regionen, beklagen sich über den an sich völlig überflüssigen, bürokratischen Mehraufwand, verursacht durch Reiter, die zum Beispiel nur einen Tag zum Turnier oder in die Naturgebiete der ausländischen Nachbarn wollen. Anscheinend ist dieses Reitpferde-Verordnungsproblem beim Bundes-Landwirtschaftsministerium seit 2005 noch nicht erkannt worden.

Seit 1958 gibt es bereits das Projekt EUREGIO, welches EU-Staaten über die Grenzgebiete  miteinander vernetzen soll. Das ist nun 61 Jahre her. 1995 wurden im Rahmen des Schengener Durchführungsübereinkommen die Schlagbäume an den Grenzen abgebaut, darüber ist auch schon fast ein Vierteljahrhundert verstrichen. 1999 wurde in Zusammenarbeit mit der EUREGIO ein grenzüberschreitendes Reitwegenetz „Grenzenlos reiten in der Euregio Rhein-Waal“ mit insgesamt 1.300 km am Niederrhein geschaffen. Den 130 Seiten starken Atlas dazu gibt es im Internet unter www.grenzenlos-reiten.eu.

Die EUREGIO hat aktuell ein 50.000 Euro teures Projekt für den weiteren Ausbau dieses Reitgebietes ins Leben gerufen, genannt „Grenzenlos reiten 2.0“. Hierfür werden alleine 25.000 Euro EU-Fördergelder locker gemacht. Infos auf der Internetseite der Euregio Rhein-Waal (www.euregio.org Menü-Suche: Projekte-Reitertourismus). All dies gerät durch die Verpflichtung des EU-Gesundheitszeugnisses ad absurdum.

Die große Zahl von Turnierstarts westdeutscher Reiter in den BeNeLux-Staaten werden durch dieses Bürokratie-Monster mehr und mehr ausgebremst. Wer nicht illegal mit seinem Pferd die Grenze überschreiten will, muss sich entweder permanent diesem teuren und zeitaufwendigen Verfahren unterwerfen oder wird auf Reitturniere und Ausritte bei unseren Nachbarn über kurz oder lang verzichten.

Es wird Zeit, dass Deutschland diesem Abkommen ebenfalls beitritt, denn Mauern, wenn sie auch nur aus Gesetzen gebaut sind, wollen wir in Europa doch ab- und nicht wieder aufbauen!

Rainer Liese


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