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01.02.2013 | Praxis

„Wir müssen weg vom Sattel-Gefängnis“

RRP hat Sattler Ferdi Weischenberg über die Schulter geschaut. Der vertritt seine ganz eigene Philosophie – aber seine Maßsättel sind für viele Reiter weltweit das Nonplusultra. RRP wollte wissen warum!

Jedes Pferd ist einzigartig – und jeder Reiter auch! Das trifft sowohl im charakterlichen, als auch im anatomischen Sinne zu. Und weil das so ist, stellt ein Sattel eine ganz besondere „Verbindung“ zwischen Reiter und Pferd dar. Je besser der Sattel an Anatomie und Bewegungsabläufe von Reiter und Pferd angepasst ist, desto harmonischer kann die Kommunikation zwischen Mensch und Tier gelingen. Doch häufig ist genau das mit Sätteln „von der Stange“ ein Problem.
Anders, wenn der Sattel „nach Maß“ angefertigt wird. Nur leider ist ein maßangefertigter Sattel in punkto Anschaffungskosten teurer als das Pendant von der Stange und daher für viele Reiter ein unerfüllbarer Traum!
RRP hat deshalb Ferdi Weischenberg über die Schulter geschaut. Der 69-Jährige jettet um die Welt, fertigt für seine Kunden Maßsättel und hat dabei ganz besonders den Reitersitz im Visier. Und das nach einer ganz eigenen Philosophie – die Weischenberg bei einem Besuch im Pferdesportzentrum Rheinland erklärt, wo Schulpferd Smudo, dessen Sattel und Reiterin Rebecca Thamm auf ihn warten.
Überraschenderweise kommt Weischenberg mit leeren Händen. „Ich habe keine Maßbänder und Schablonen“, erklärt er rigoros, „mit so was arbeite ich nicht“. Stattdessen wirft er zunächst einen Blick auf die Sattellage von Smudo, die er als „relativ gut“ einordnet. Den Sattel des Wallachs, der seit einigen Jahren seinen „Dienst“ an der Landes-Reit- und Fahrschule tut, betrachtet er völlig wertneutral. Für ihn sei es das Schlimmste, wenn es in seiner Branche nur ums Verkaufen ginge, so der gebürtige Wuppertaler. Denn seiner Auffassung nach tut es auch der billigste Importsattel, wenn er denn funktioniert. Und das sagt einer, der doch von der Anfertigung von Maßsätteln lebt? „Natürlich lebe ich davon“, sagt Weischenberg. Dennoch sieht er sich nicht als Verkäufer, sondern als Individualist mit eigener Philosophie, für den Sattel, Pferd, Reiter und das Reiten selbst nie getrennt betrachtet werden können. Mehr als Künstler denn als Sattler, wie er selbst sagt! Und so beäugt er erstmal die Reiterin – schätzt mit erfahrenem Blick ihre Anatomie ab. „Ich beschäftige mich mit Bewegungsabläufen, da spielt der Körper des Reiters nun mal eine große Rolle.“ Und er nimmt kein Blatt vor den Mund: „Frauliche Oberschenkel, die brauchen Platz im Sattel“, sagt er zu Rebecca Thamm.

Sattel darf Reiter nur einen Rahmen bieten

Überhaupt ist „Platz“ ein wichtiger Faktor für den Rheinländer, der allerdings seit einigen Jahren in Niedersachsen lebt. „Wir müssen weg vom Sattel-Gefängnis“, meint Weischenberg und erklärt anhand Smudos Sattel, was er damit meint: „Der Sattel muss dem kompletten Bewegungsapparat eines Pferdes Freiheit geben, er darf es dem Pferd nicht schwer machen im Bewegungsablauf.“
Und auch der Reiter benötigt Bewegungsfreiheit. „Der Sattel darf dem Reiter keine Fixierung bieten, sondern allenfalls einen Rahmen, einen Anlehnungspunkt“, lautet Ferdi Weischenbergs Prämisse. Viele moderne Sättel seien aber genau das – ein „Sattel-Gefängnis“ für Reiter und Pferd. Die Gründe dafür liegen unter anderem in der Marktsituation, ist der Sattler überzeugt. „Immer wieder kommen neue Modelle und Maßsättel auf den Markt, die dem Endkunden das und jedes versprechen und den neusten Trends folgen. Ob sich diese Trends, wie dickere Pauschen, breite Kissenkanäle, extra tiefer Sitz, dann als sinnvoll herausstellen, steht aber auf einem anderen Blatt“, kritisiert der eigenwillige Experte, der sich seit über 40 Jahren mit Reitsätteln beschäftigt. „Denn die Individualität bei Reiter und Pferd ist so gewaltig“, meint er und sieht darin eine Verpflichtung für sich selbst, Reiter dazu anzuleiten, sich intensiv mit dem Thema Sattel auseinanderzusetzen. „Und eben auch vieles auszuprobieren.“

Zitat
„Der größte Feind der Schulterfreiheit ist der Reiter!“
Ferdi Weischenberg

Platz muss sein!

Ausprobieren ist das Stichwort für Reiterin Rebecca Thamm, die sich auf Smudos Rücken mit dem Schulpferdesattel schwingt. „Ich lasse immer alle erst mal reiten“, erläutert Weischenberg und stellt sich in die Reithalle. Fast gebannt folgt er dem Paar im Schritt, stellt sofort fest: „Die Steigbügel müssten kürzer.“ Nach einigen Runden Leichttraben ist das auch die erste Tat von Smudos Reiterin. „In diesem Sattel wird der Oberschenkel der Reiterin nicht korrekt geführt, was zur Folge hat, dass das Knie offen ist und die Reiterin versucht, dieses durch Zusammenpressen zu schließen“, analysiert der Experte. „Dadurch kann die Reiterin nicht in der schweren Ferse federn, sondern steht aus dem Knie heraus auf.“ Damit werde jedoch der Bewegungsablauf des Pferdes schon eingeschränkt. „Das Pferd muss doch die Chance haben, den Reiter in seiner Bewegung mitzunehmen!“ Durch den kürzeren Steigbügelriemen hole sich der Oberschenkel Platz: Die Reiterin müsse die Ferse nicht krampfhaft herunterdrücken. Dadurch könne sie das Knie nicht zusammenpressen und das Pferd so in seiner Schulterfreiheit einschränken. „Der größte Feind der Schulterfreiheit ist der Reiter!“
Rebecca Thamm muss sich dagegen an die Veränderung kurz gewöhnen. „Die Balance verändert sich“, stellt sie fest. Das sei richtig, so Ferdi Weischenberg. Aber es gehe ja auch darum, das Pferd seine Bewegung anbieten zu lassen, nicht diese herauszureiten. „Wenn der Reiter die Bewegungen herausreiten will, kann er nicht zum Sitzen kommen. Und kaum auf den Sitz gekommen, führt Weischenberg weiter aus: Die dicken Pauschen möge er gar nicht! Wie viele andere kritisiert auch der 69-Jährige, dass diese dem Reiter zwar ein langes Bein ermöglichen, zugleich aber seinen Oberschenkel auch in eine starre Position zwängen und damit den Sitz zu sehr fixieren würden. Oft seien die Bügel dann zu lang, der Reiter versuche krampfhaft den Absatz herunterzudrücken und nehme seinen Beinen und letztendlich auch seinem Becken damit jede Bewegungsfreiheit.
Auch der so genannte „extra tiefe Sitz“ ist ihm eher ein Dorn im Auge: „Wenn der Allerwerteste keinen Platz hat, kann ein Reiter nicht sitzen“, so Weischenberg. Es sei auch ohne weiteres möglich in einem Sattel mit flachem Sitz tief am Pferd zu sitzen, so der gebürtige Wuppertaler.

Weischenbergs weitere „Knackpunkte“

Ein „Knackpunkt“ ist die Fixierung des Sattels, die je nach Sattellage des Pferdes im Sattelkonstrukt geführt werden sollte. „Die heutigen Reitpferde haben häufig eine nicht optimale Gurtlage“, konstatiert Ferdi Weischenberg. Oft lege der Gurt zu nahe am Ellbogen, was es schwierig mache, den Sattel im mittleren Bereich – passend zum Schwerpunkt – zu fixieren.
Noch ein „Knackpunkt“ ist der Gurt: „Es wird einfach oft viel zu fest gegurtet“, findet der 69-Jährige. Sein Tipp: Nicht mehr so fest nachgurten, wenn man auf dem Pferd sitzt, lediglich prüfen, ob der Gurt nicht zu lose ist! „Der Reiter will die Bewegungen des Pferdes doch öffnen, ein zu fester Gurt bewirkt das Gegenteil“, meint er. Zudem rät er zu Sattelgurten entweder mit beidseitigem Gummizug oder mit gar keinem elastischen Einsatz.
Für Ferdi Weischenberg gibt es also viele „Knackpunkte“ an einem Sattel – und sie alle beeinflussen den Reitersitz. Um Testreiterin Rebecca das nicht nur zu erklären, sondern auch „erfahren“ zu lassen, legt er schließlich einen seiner Kundensättel auf Smudos Rücken: Wenig Pausche, anderer Schwerpunkt, vollelastischer Gurt. „Gewöhnungsbedürftig“, stellt die Reiterin zunächst fest und macht nach einigen Runden Leichttraben erst mal – wieder – die Bügel noch zwei Loch kürzer. Die größte Veränderung aber zeigt Smudo, der plötzlich mit deutlich besserer Hinterhandaktivität punktet. „Der Sattel lässt ihm mehr Freiheit“, konstatiert Ferdi Weischenberg. Prompt geht das Schulpferd Galopptraversalen!
„Er ist deutlich lockerer“, bestätigt die Reiterin, die sich dann auch schnell im Sattel wohl fühlt! Je weniger Sattel, desto besser Ferdi Weischenberg vertritt zwar seine eigene Philosophie, aber dahinter verbirgt sich doch eine klassische Einstellung. „Je weniger Sattel, desto besser nimmt das Pferd das Balanceverhalten des Reiters wahr“, lautet seine persönliche Devise. Beide, Reiter wie Pferd, benötigen Platz, um sich miteinander im Takt bewegen zu können.
Viele Trends, die den Sattel in den vergangenen Jahren verändert haben, sieht er kritisch, sagt aber auch: „Das muss ganz individuell entschieden werden.“ Beispiel breiter Kissenkanal: „Ich habe schon Sättel mit ganz engem, aber auch mit extrem breiten Kanal gefertigt.“ Ohne Individualität geht es beim Sattelkauf also eigentlich nicht. Was wiederum für einen Maßsattel spricht! „Wenn da nicht der Preis wäre…“, halten viele Reiter dagegen.
Ferdi Weischenberg rechnet jedoch vor, dass ein Maßsattel nicht unbedingt teurer ist als sein Pendant von der Stange, wenn man eine längere Nutzungsdauer kalkuliert, die Kosten für turnusgemäße Korrekturen und Anpassungen durch den Sattler entfallen und der Reiter schlichtweg langfristig zufrieden ist!

M. Roszinsky

RRP-Experte
Ferdi Weischenberg
1943 im rheinischen Wuppertal geboren, hat Ferdi Weischenberg bereits sehr früh Kontakt mit Pferden. Er reitet Dressur, Springen und Vielseitigkeit. Beruflich jedoch orientiert er sich zunächst im handwerklichen Bereich. 1970 eröffnete er das erste Reitsportspezialgeschäft „Horse-Shop“ in Düsseldorf und führte dieses bis 1980. Es folgen 2 Jahre ohne Bindung zur Reitsportbranche. Doch dann wagt er in Ratingen einen Neuanfang, eröffnet ein weiteres Reitsportgeschäft, begann 1990 unter dem Kürzel „FW“ eigene Sättel herzustellen. Seit 25 Jahren konzentriert er sich ausschließlich auf die Herstellung von Maßsätteln.
Infos: www.fw-sattel.de, www.facebook.com/Ferdi.Weischenberg


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