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10.11.2020 | News

Köln-Porz: Zentrum für Therapeutisches Reiten e.V. (ZTR) schließt im Sommer 2021 seine Tore

Das Zentrum für Therapeutisches Reiten (ZTR) in Köln-Porz muss im Sommer 2021 seine Tore schließen. Foto: privat
Das Zentrum für Therapeutisches Reiten (ZTR) in Köln-Porz muss im Sommer 2021 seine Tore schließen. Foto: privat

Das letzte Jahr einer 30-jährigen Erfolgsgeschichte hat begonnen. Im Jahr 1991 öffnete das Zentrum für Therapeutisches Reiten dank der Firma Stollwerck, insbesondere Herrn Hans und Frau Gerburg Imhoff und vieler engagierter Unterstützer, seine Tore und wuchs in den Jahren zu einer großen, renommierten Einrichtung im Therapeutischen Reiten. Zahlreiche Kinder, Jugendliche und Erwachsene konnten in den Jahren an den vielfältigen Angeboten des inklusiven Pferdesports teilnehmen, betreut und gefördert werden. Der Schwerpunkt der Einrichtung liegt in der Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd im Bereich des Voltigierens, der Einzelförderung und des Reitens. Aber auch das Reiten als Sport für Menschen mit einer Behinderung und der inklusive Pferdesport zählte immer schon zu den Angeboten, genauso wie die Hippotherapie.

Der Verein „Zentrum für Therapeutisches Reiten e. V.“ ist dabei Mitglied in allen Fachverbänden des Pferdesports, des Therapeutischen Reitens, des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes und als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt. Er hat über die Jahre hindurch immer um die 130 Mitglieder, von denen der Großteil Kinder und Jugendliche sind. Einige erwachsene Mitglieder haben über die Schulgruppen als Kinder und Jugendliche begonnen, sind dem Verein auch weiterhin verbunden und nehmen auch aktuell noch die inklusiven vielfältigen Angebote mit dem Pferd in Anspruch.

Vielfältiges Angebot

Schon von Beginn an besteht die Kooperation mit dem Zentrum für Frühbehandlung und Frühförderung sowie mit dem Mülheimer Turnverein (MTV Köln 1850 e.V.). Darüber hinaus besteht eine jahrzehntelange Zusammenarbeit mit den unterschiedlichsten Schulformen und Einrichtungen. Zu den an den Angeboten mit ihren Schüler*Innen und Kindern teilnehmenden Einrichtungen zählen die Kinder und Jugendpsychiatrie der Uni Klinik Köln, die Johann Christoph Winters Schule, die LVR Schule am Königsforst und die Integrative Kinder Tagesstätte Rather Schulstraße. Zusätzlich dazu konnten unterschiedliche Schulen für soziale und emotionale Entwicklung, geistige Entwicklung oder Lernen aus dem gesamten Kölner Raum wöchentlich für eineinhalb bis zwei Stunden im heilpädagogischen Voltigieren von qualifizierten Fachkräften und mit der Unterstützung von ausgebildeten Pferden betreut werden. Nach den Sommerferien 2020 können im Anschluss an die coronabedingte Zwangspause die Schüler*innen der folgenden Schulen noch ein weiteres Jahr von der Förderung mit dem Pferd profitieren: Schule auf dem Sandberg, Martin Köllen Schule, Schule Auguststraße, Eduard Mörike Schule, Frieda Kahlo Schule (Sankt Augustin), LVR Schule am Königsforst, der Johann Christoph Winterschule/Uniklinik sowie die vom Verein „Auf Achse“ betreuten Jugendlichen. Der Unterricht mit diesen Schulen füllt den gesamten Vormittagsbereich des Zentrums. Im Nachmittagsbereich bis in den Abend hinein finden dann weitere inklusive Voltigier und Reitgruppen sowie Einzelförderungen und die Hippotherapie statt. Insgesamt konnten in den letzten Jahren zwischen 170 und 190 Pferdebegeisterte pro Woche von dem vielfältigen Angebot profitieren. Weitere Aktivitäten beziehen sich auch auf die Ferien, z.B. unterschiedliche Ferienfreizeiten, die in den letzten Jahren auf der Vereinsanlage angeboten wurden. Früher bestand sogar die Möglichkeit, mit den vereinseigenen Pferden für zwei Wochen in Urlaub zu fahren.

Untergebracht in Zelten oder Ferienwohnungen konnte im Bergischen Land, der Eifel und dem Sauerland ein weiterer Schwerpunkt auf das Ausreiten mit dem Pferd und auf vielfältige erlebnispädagogische Maßnahmen gelegt werden, die die Klienten ganzheitlich ansprechen konnten.

Bei diesen Aktivitäten steht der Partner und das Medium Pferd im besonderen Mittelpunkt. Im Zentrum wird auf eine für den städtischen Bereich möglichst artgerechte Pferdehaltung mit viel freier Bewegungsmöglichkeit in einer Herde auf dem Paddock oder der Weide wert gelegt. Die Pferde werden von den Mitarbeiter*Innen ausgebildet und auf die vielfältigen Aufgaben vorbereitet. Aber auch auf das regelmäßige Korrekturreiten, die ständige, vielseitige und nie ganz abgeschlossene Ausbildung der Pferde, das abwechslungsreiche Training sowie auf einen durchdachten Einsatzplan wird geachtet. Dabei wird gemeinsam mit Pferdefachleuten der verschiedenen Berufsgruppen immer wieder auf die Individualität und die speziellen Bedürfnisse des einzelnen Pferdes eingegangen. Bis ins hohe Alter und auch als Rentner dürfen die Pferde im Zentrum bleiben und ihren Lebensabend im Offenstall genießen.

Zu den jährlichen Angeboten im Zentrum zählen auch Abzeichenprüfungen im Pferdesport und Fahrten zu den unterschiedlichen Voltigier und Reitturnieren, insbesondere die Stadtmeisterschaften Köln im Reiten und Voltigieren. Hier war der Verein seit Jahren besonders in den Prüfungen für Menschen mit Handicap vertreten. Ebenso wurden auf der eigenen Anlage Turniere und Sommerfeste veranstaltet. In Erinnerung werden auch die großenTheaterstücke bleiben, die zu besonderen Anlässen monatelang erarbeitet und dann in Szenen mit Pferden umgesetzt wurden. Hierzu zählen die Stücke „Pippi Langstrumpf“, „die Heinzelmännchen von Köln“, „das Dschungelbuch“ und die Weihnachtsgeschichte sowie unterschiedliche Zirkusaufführungen. Des Weiteren wurden in der Reithalle des Zentrums immer wieder Lesungen im Rahmen der lit.COLOGNE abgehalten und es konnten verschiedene Autor*Innen mit ihren Büchern rund um das Thema Pferd begrüßen werden.

Fachkräfte- und Trainerausbildungen

Viele Jahre lang war das ZTR Lehrgangsort für das Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten und so in der Ausbildung von Fachkräften tätig. Neben der Hippotherapie und der Trainerausbildung für den Behindertenreitsport lag der besondere Schwerpunkt in der Fortbildung zur Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd. Dies beinhaltete auch das Angebot und die Betreuung unterschiedlicher Hospitations- und Praktikumsstunden von Fachkräften im Therapeutischen Reiten, ebenso wie von Student*innen der unterschiedlichsten Fachrichtungen in den Hochschulstudiengängen. Immer wieder wurden im Zentrum auch wissenschaftliche Studien und Projektarbeiten mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten zum Thema Therapeutisches Reiten mitbegleitet, unterstützt oder durchgeführt.

Von Anfang an wurden auf der Anlage Trainerlehrgänge für den Bereich Voltigieren durch den Pferdesportverband Rheinland und den Fachbeirat Voltigieren angeboten. So erhielt der Verein im Jahr 2006 die Anerkennung als Fachschule für Voltigieren. Voltigieraus bilder*innen aus ganz Deutschland aber auch aus dem Ausland nahmen an den Trainerassistenten, Fachübungsleiter, Trainer C, B und A aber auch an Lizenzverlängerungslehrgängen und Richterschulungen teil. Wie auch in den Kuratoriumslehrgängen waren innerhalb dieser Lehrgänge unzählige Referent*innen aus ganz Deutschland im Einsatz. Dies zeigt die gute Vernetzung der Einrichtung mit anderen Vereinen, Personen, Instanzen und Einrichtungen aus Deutschland, aber auch aus der ganzen Welt. Immer wieder konnten auch Gäste aus dem Ausland begrüßt werden. Diese besonders weitreichende Vernetzung zeichnet das ZTR in besonderem Maße aus.

Neben der Imhoff Stiftung wurde und wird das Zentrum von vielen Sponsoren, Stiftungen und Einzelpersonen in seiner Arbeit unterstützt. Dadurch sind die Beiträge der Teilnehmer an den Angeboten „erschwinglich“. Dies ermöglicht es, vielfältige Teilnehmer*innen zu erreichen und ihnen den inklusive n Pferdesport zu ermöglichen.

ZTR muss Gewerbegebiet weichen

Im Mai 2019 wurden die Mitglieder und betreuten Institutionen vom Vorstand darüber informiert, dass der zunächst geplante Umzug nach Köln Esch nicht realisierbar ist. Das bisher genutzte Gelände in Westhoven wurde in Teilen von der Imhoff Stiftung verkauft und ist nun im Besitz des Kölner Immobilieninvestors Baucon, der dieses Gelände als Gewerbegebiet ausbauen möchte. Dafür muss die noch vollkommen funktionsfähige Reitanlage mit den Außenbereichen weichen. Hiermit entsteht eine riesige Lücke in der Versorgung des rechtsrheinischen Bereichs von Köln im Therapeutischen Reiten. Besonders durch die gute verkehrsmäßige Anbindung der Anlage, konnten viele Bürger*innen aus ganz Köln und der Umgebung problemlos und selbständig anreisen.

Die große Sorge der Mitglieder gilt jetzt dem Verbleib der Pferde, insbesondere der Rentnerpferde. Diese sollen nach Aussage der Imhoff Stiftung in einer Herde verbleiben und sollen auch weiterhin von der Imhoff Stiftung finanziert werden. Die anderen Pferde sollen nur an im Therapeutischen Reiten anerkannte Einrichtung gehen. Für fünf festangestellte Mitarbeiter*innen und einige Honorarkräfte bedeutet die geplante Auflösung des ZTR das Ende ihrer jahrelangen Beschäftigung.

Wir verabschieden uns von einer gewachsenen, in das rechtsrheinische Köln fest integrierte, für die Aus und Weiterbildung nachhaltig etablierte, die Vielfalt der Menschen erreichende und unterstützende Einrichtung, in der Menschen und Pferde kooperativ zum inklusiven Nutzen miteinander arbeiten konnten. Dieser Abschied schmerzt. Alle Teilnehmer*innen, Mitarbeiter*innen, Eltern und Unterstützer*innen bedauern diesen Entschluss sehr und sind schwer betroffen.

Svenja (19 Jahre) fasste es bei einen Interview mit einer großen Kölner Zeitung in den Sommerferien folgendermaßen zusammen: „Ich will nicht, dass hier Schluss ist. Ich bin sehr traurig und wünsche mir, dass die Leute uns helfen, dass wir vielleicht doch noch hierbleiben können. Ich habe hier meine Freunde*innen und auch meine geliebten Pferde, die sehe ich dann alle nicht mehr wieder nach so vielen Jahren.“

Kirsten Brück, Gertrud Elsner

Weitere Infos: www.ztr-koeln.de

 


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